lesen | Lesetipp

Die Leiden des jungen Werther

Johann Wolfgang von Goethe

Genre
Roman

Herausgeber
Insel

erschienen
2023 (1774)

Zielgruppe
Erwachsene

29|06|25

Meine Tage im Internat

„Ich war sechzehn und ein wenig in Goethe verliebt. Das kam durch ein Zusammentreffen von Umständen, denke ich. Erstens steht außer Frage, dass er ein unglaublicher Mann war, ein Wissenschaftler, Denker und auch noch ein Dichter, kurzum: ein homo universalis. Zweitens war ich schon damals auf dem Vergangenheits-Trip. Als ich herausfand, dass Goethe nicht nur bereits zu Lebenszeiten als eine Art Halbgott angesehen wurde (ihm zu begegnen war eine große Ehre), sondern er zudem wenig Glück bei Frauen hatte, kam mir der für pubertierende Teenies typische Gedanke, dass, wenn er mir begegnet wäre, alles wohl anders gelaufen wäre. (lacht)

Rückblickend betrachtet schwärmte ich damals für platonische Liebe – ein Mann musste entweder nicht mehr am Leben oder viel älter sein –, weil ich noch große Angst vor Liebesenttäuschungen hatte. Das ist ja genau das Thema von Die Leiden des jungen Werther. Ich habe mich also stark mit Werther identifiziert, der Briefe voller Großen Emotionen, voller „Oohs“ und „Aahs“ an Lotte schreibt – in seinen Augen die perfekte Frau, aber leider bereits mit Albert verlobt.

Ein Gespräch zwischen den beiden Herren ist mir dabei als sehr interessant in Erinnerung geblieben. Es ist der Dialog, in dem sie über Selbstmord philosophieren, eine ‚feige‘ Entscheidung laut Albert, aber mutig laut Werther – der schließlich zur Tat schreitet, wie allgemein bekannt. Mehr noch: inspiriert von diesem dünnen, aber unglaublich starken Buch nahmen sich zu Goethes Zeiten zahllose junge Menschen das Leben. Ich selbst hatte in keinster Weise Angst, in solche dunklen Gedankengänge zu verfallen. Ich war vor allem sehr neugierig nach dieser Kult-Geschichte, die eine ganze Generation geprägt hatte.

In meinen Augen hat das Buch deshalb eine so bedeutende Wirkung gehabt, weil es so unerhört modern war. Die Briefe in der Ich-Form passten zu dem damals aufkeimenden Individualismus, und der intime, direkte Charakter der Erzählung muss beim Lesen unglaublich spannend gewesen sein. Das Werk ist durchtränkt von Sturm und Drang, war Goethe doch selbst erst 25 Jahre alt, als er es in nur vier Wochen zu Papier brachte. Nicht aus seinem enormen Intellekt heraus, denke ich, sondern eher geleitet von seinem Bauchgefühl. Er war nämlich selbst leidenschaftlich in Charlotte, die Verlobte seines Freundes Johannes, verliebt. Die Geschichte seiner unmöglichen Liebe reißt einen mit, und das muss vor mehr als 200 Jahren auch so gewesen sein. Wenn man so viele Jahrhunderte überdauern kann, ohne an Kraft einzubüßen, ist man ein Genie.

Meine Lehrerin im Fach Wortkunst-Drama am Kunstgymnasium war anfangs nicht davon überzeugt. Sie fand die Geschichte zu altmodisch und pathetisch, um daraus meine Abschlussarbeit zu machen. Aber als ich dann meine Bearbeitung auf der Bühne präsentierte – mit dem zur Frauenrolle umgeschriebenen Werther-Part – gab sie mir recht, dass es sich um ein herrliches Buch handelt, das tatsächlich larger than life und frei von jeglicher Anmaßung. Während dieser öffentlichen Prüfung erlebte ich einen dieser seltenen Momente, in denen auf der Bühne etwas Magisches geschieht. Ich bin nicht gläubig, aber es war, als wäre Goethe dabei gewesen. Meine Tage im Internat waren damals ohnehin von seinem Meisterwerk geprägt, das ich bald im deutschen Original noch einmal lesen möchte. Dank meines Philosophiestudiums sind meine passiven Kenntnisse der Sprache recht gut. Übrigens hat sich Werthers Geschichte durchaus ihre Würze bewahren können – selbst für jemanden, der den Autor nicht unbedingt heiraten möchte. (lacht)

Aufgezeichnet von Katrien Steyaert für dasKULTURforum Antwerpen.
Übersetzt von Isabel Hessel.
Foto: Bas Bogaerts.

Lesetipp von
Clara Cleymans
Schauspielerin