‚Ich bin in letzter Zeit wie besessen von der deutschen Sprache. Ich finde, dass es im Deutschen leichter ist, sich emotional auszudrücken und konzeptionell zu denken, als im Niederländischen. Da ist z.B. die Möglichkeit, neue Wortzusammensetzungen zu erfinden, diese sehr langen Wörter ohne unseren typischen Bindestrich. Damit lassen sich sogar die abstraktesten Ideen ausdrücken. Auch für Nuancen bei Gefühlsäußerungen bietet das Deutsche mehr Möglichkeiten.
So empfand ich es jedenfalls, als ich die Sprache in einem Semesterkurs an der UCT in Gent lernte. Ich habe zwar aufgehört zu studieren, aber ich bilde mich noch immer weiter. Schon in der Sekundarschule habe ich mich ins Deutsche verliebt, als ich es zu Hause bei einer guten Freundin sprechen hörte. Der Corona-Lockdown war für mich der ideale Zeitpunkt, um mich wirklich damit zu beschäftigen. Als zusätzliche Hausaufgabe kaufte ich mir nach einem Konzert in Hamburg den Gedichtband vom Sänger der Rockband Isolation Berlin. Auf der Bühne spielt Tobias Bamborschke zwar Indie-Musik, aber auf dem Papier hält er seine Gedanken und Ideen in kurzen Gedichten fest.
Schmetterling im Winter schneidet für mich sehr erkennbare Themen an wie sich verlieben, sein Herz brechen sehen, alleine leben, fünf Tage lang Pizza essen, nicht genug nach draußen gehen… (Lacht.) Bei anderer Poesie fällt es mir manchmal schwer, mich dem Stil und der Lebenswelt anderer Menschen hinzugeben, aber hier habe ich direkt in den Kopf eines Gleichaltrigen und Musikerkollegen geblickt. Das hat mir sehr gut getan.
Außerdem hatte das Deutsch genau das richtige Niveau für mich, sodass ich einerseits nicht aufgegeben und andererseits genug dazugelernt habe. Jedes Wort, das ich nicht kannte, habe ich mit einem Post-it markiert, nachgeschlagen und die Bedeutung dazugeschrieben. Auf diese Weise habe ich schließlich den kompletten Gedichtband für mich übersetzt. Sehr oft stellte ich dabei fest, dass es für ein Wort keine korrekte niederländische Übersetzung gab, was mich in meiner Vorstellung bestätigt hat, dass Deutsch reichhaltiger und nuancierter ist als viele andere Sprachen.‘
Aufgezeichnet von Katrien Steyaert für dasKULTURforum Antwerpen.
Übersetzt von Sandra Karólyi.
Foto: Anneke D’Hollander