{"id":4790,"date":"2021-06-26T19:19:00","date_gmt":"2021-06-26T17:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/daskulturforum.be\/?post_type=leestips&#038;p=4790"},"modified":"2023-09-19T19:04:59","modified_gmt":"2023-09-19T17:04:59","slug":"witz-und-intellektuelle-schaerfe","status":"publish","type":"leestips","link":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/leestips\/witz-und-intellektuelle-schaerfe\/","title":{"rendered":"Intellektuelle Waghalsigkeit"},"content":{"rendered":"\n<p>Nach 20 Jahren habe ich erneut Heinrich Heines Werk <em>Ideen. Das Buch Le Grand<\/em> zur Hand genommen; ein Buch, das ich fr\u00fcher schon mehrmals gelesen habe und das f\u00fcr mich mit meinen eigenen \u201awilden\u2018 und auch ungefestigten zwanziger Jahren verkn\u00fcpft ist.<br>Es ist eine lange Liebeserkl\u00e4rung an die Frau seiner Tr\u00e4ume und zugleich die Geschichte ihrer Zur\u00fcckweisung, von der er ihr in Form eines virtuosen Textes berichtet, welcher, fast improvisiert und assoziativ klingend, wie ein m\u00e4andernder Fluss dahinflie\u00dft und in dem der Schmerz, zwar in andere Gew\u00e4nder geh\u00fcllt, aber immer wieder in weiteren Situationen zum Vorschein tritt. Dieser Fluss f\u00fchrt ihn zur\u00fcck in seine Jugend, zu seinen Jugendlieben, und in die Zeit, in der in seiner Heimatstadt D\u00fcsseldorf sich nach der Macht\u00fcbernahme Napoleons alles wandelte, aber auch in die Zeit zur\u00fcck, die ihn an seine Freundschaft mit dem franz\u00f6sischen Tambour Le Grand erinnert, mit dem er sich nur trommelnd unterhalten konnte. Es ist ein sehr romantisches Werk, zuweilen vitalistisch, abwechselnd von nostalgischer Wehmut und dem vollen Auskosten des Lebens, der Liebe und der Poesie erf\u00fcllt; es geht darin auch um die \u00d6ffnung des Herzens, um den Schmerz g\u00e4nzlich zuzulassen.<br>Zugleich ist dieses Werk aber auch ein gewitztes, nahezu postmodernes Spiel mit der Identit\u00e4t, das den Leser auf eine falsche F\u00e4hrte lockt, ein in sich verschachteltes Verwirrspiel erfundener und sogleich wieder verworfener Episoden, von aufgeblasenen und zum Platzen gebrachter Ballons. Dies alles gespickt mit n\u00fcchterner Satire und Selbstironie, sehr selbstbewusst, manchmal auf irritierende Weise schw\u00e4rmerisch, aber zuweilen auch zerbrechlich, schmerzvoll und ergreifend. Der Humor des 19. Jahrhundert mutet bisweilen ein wenig muffig an, aber man schmunzelt doch und bewundert Heines Geisteskraft und intellektuelle Waghalsigkeit. Und f\u00e4llt dabei die Freiz\u00fcgigkeit auf, mit der alles und jeder &#8211; inklusive Christen, Juden und Moslems &#8211; auf die Schippe genommen wird, was sich offensichtlich im Preu\u00dfen des Jahres 1826 als weniger problematisch als heute erwies?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein herrliches Buch, ein Geniestreich, virtuos auf Draufg\u00e4ngertum, Lebenslust und Inspiration treibend&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"featured_media":4776,"template":"","class_list":["post-4790","leestips","type-leestips","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/leestips\/4790","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/leestips"}],"about":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/leestips"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/leestips\/4790\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9942,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/leestips\/4790\/revisions\/9942"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4776"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4790"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}