{"id":12082,"date":"2025-06-29T10:52:50","date_gmt":"2025-06-29T08:52:50","guid":{"rendered":"https:\/\/daskulturforum.be\/?post_type=leestips&#038;p=12082"},"modified":"2026-02-23T12:59:16","modified_gmt":"2026-02-23T11:59:16","slug":"meine-tage-im-internat","status":"publish","type":"leestips","link":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/leestips\/meine-tage-im-internat\/","title":{"rendered":"Meine Tage im Internat"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eIch war sechzehn und ein wenig in Goethe verliebt. Das kam durch ein Zusammentreffen von Umst\u00e4nden, denke ich. Erstens steht au\u00dfer Frage, dass er ein unglaublicher Mann war, ein Wissenschaftler, Denker und auch noch ein Dichter, kurzum: ein homo universalis. Zweitens war ich schon damals auf dem Vergangenheits-Trip. Als ich herausfand, dass Goethe nicht nur bereits zu Lebenszeiten als eine Art Halbgott angesehen wurde (ihm zu begegnen war eine gro\u00dfe Ehre), sondern er zudem wenig Gl\u00fcck bei Frauen hatte, kam mir der f\u00fcr pubertierende Teenies typische Gedanke, dass, wenn er mir begegnet w\u00e4re, alles wohl anders gelaufen w\u00e4re. <em>(lacht)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>R\u00fcckblickend betrachtet schw\u00e4rmte ich damals f\u00fcr platonische Liebe \u2013 ein Mann musste entweder nicht mehr am Leben oder viel \u00e4lter sein \u2013, weil ich noch gro\u00dfe Angst vor Liebesentt\u00e4uschungen hatte. Das ist ja genau das Thema von <em>Die Leiden des jungen Werther<\/em>. Ich habe mich also stark mit Werther identifiziert, der Briefe voller Gro\u00dfen Emotionen, voller &#8222;Oohs&#8220; und &#8222;Aahs&#8220; an Lotte schreibt \u2013 in seinen Augen die perfekte Frau, aber leider bereits mit Albert verlobt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gespr\u00e4ch zwischen den beiden Herren ist mir dabei als sehr interessant in Erinnerung geblieben. Es ist der Dialog, in dem sie \u00fcber Selbstmord philosophieren, eine \u201afeige\u2018 Entscheidung laut Albert, aber mutig laut Werther \u2013 der schlie\u00dflich zur Tat schreitet, wie allgemein bekannt. Mehr noch: inspiriert von diesem d\u00fcnnen, aber unglaublich starken Buch nahmen sich zu Goethes Zeiten zahllose junge Menschen das Leben. Ich selbst hatte in keinster Weise Angst, in solche dunklen Gedankeng\u00e4nge zu verfallen. Ich war vor allem sehr neugierig nach dieser Kult-Geschichte, die eine ganze Generation gepr\u00e4gt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>In meinen Augen hat das Buch deshalb eine so bedeutende Wirkung gehabt, weil es so unerh\u00f6rt modern war. Die Briefe in der Ich-Form passten zu dem damals aufkeimenden Individualismus, und der intime, direkte Charakter der Erz\u00e4hlung muss beim Lesen unglaublich spannend gewesen sein. Das Werk ist durchtr\u00e4nkt von Sturm und Drang, war Goethe doch selbst erst 25 Jahre alt, als er es in nur vier Wochen zu Papier brachte. Nicht aus seinem enormen Intellekt heraus, denke ich, sondern eher geleitet von seinem Bauchgef\u00fchl. Er war n\u00e4mlich selbst leidenschaftlich in Charlotte, die Verlobte seines Freundes Johannes, verliebt. Die Geschichte seiner unm\u00f6glichen Liebe rei\u00dft einen mit, und das muss vor mehr als 200 Jahren auch so gewesen sein. Wenn man so viele Jahrhunderte \u00fcberdauern kann, ohne an Kraft einzub\u00fc\u00dfen, ist man ein Genie.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Lehrerin im Fach Wortkunst-Drama am Kunstgymnasium war anfangs nicht davon \u00fcberzeugt. Sie fand die Geschichte zu altmodisch und pathetisch, um daraus meine Abschlussarbeit zu machen. Aber als ich dann meine Bearbeitung auf der B\u00fchne pr\u00e4sentierte \u2013 mit dem zur Frauenrolle umgeschriebenen Werther-Part \u2013 gab sie mir recht, dass es sich um ein herrliches Buch handelt, das tats\u00e4chlich <em>larger than life<\/em> und frei von jeglicher Anma\u00dfung. W\u00e4hrend dieser \u00f6ffentlichen Pr\u00fcfung erlebte ich einen dieser seltenen Momente, in denen auf der B\u00fchne etwas Magisches geschieht. Ich bin nicht gl\u00e4ubig, aber es war, als w\u00e4re Goethe dabei gewesen. Meine Tage im Internat waren damals ohnehin von seinem Meisterwerk gepr\u00e4gt, das ich bald im deutschen Original noch einmal lesen m\u00f6chte. Dank meines Philosophiestudiums sind meine passiven Kenntnisse der Sprache recht gut. \u00dcbrigens hat sich Werthers Geschichte durchaus ihre W\u00fcrze bewahren k\u00f6nnen \u2013 selbst f\u00fcr jemanden, der den Autor nicht unbedingt heiraten m\u00f6chte. <em>(lacht)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:15px\">Aufgezeichnet von Katrien Steyaert f\u00fcr dasKULTURforum Antwerpen.<br>\u00dcbersetzt von Isabel Hessel.<br>Foto: Bas Bogaerts.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":12087,"template":"","class_list":["post-12082","leestips","type-leestips","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/leestips\/12082","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/leestips"}],"about":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/leestips"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/leestips\/12082\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12656,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/leestips\/12082\/revisions\/12656"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/12087"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12082"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}