{"id":10220,"date":"2023-12-14T09:24:50","date_gmt":"2023-12-14T08:24:50","guid":{"rendered":"https:\/\/daskulturforum.be\/?post_type=leestips&#038;p=10220"},"modified":"2024-02-15T17:46:03","modified_gmt":"2024-02-15T16:46:03","slug":"der-beste-roman-ueber-den-deutschen-widerstand","status":"publish","type":"leestips","link":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/leestips\/der-beste-roman-ueber-den-deutschen-widerstand\/","title":{"rendered":"Der beste Roman \u00fcber den deutschen Widerstand"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201aSeit mich meine Frau vor ein paar Jahren darauf aufmerksam gemacht hat, lese ich bewusst mehr Werke von Schriftstellerinnen. Trotzdem m\u00f6chte ich hier das Opus eines Mannes empfehlen, weil es mich sofort gefesselt hat. Wer einmal mit einem Buch von Hans Fallada angefangen hat, kann es nicht mehr aus der Hand legen, finde ich, denn seine Geschichten sind ausgesprochen sch\u00f6n. Sie handeln von strauchelnden Menschen, die mit dem Alkohol, dem Wahnsinn oder anderen Peinigern zu k\u00e4mpfen haben und gleichzeitig dennoch so etwas wie eine Lust an diesem Dasein bewahren. Das ber\u00fchrt mich jedes Mal.<\/p>\n\n\n\n<p>In <em>Jeder stirbt f\u00fcr sich allein<\/em> geht es um den Kern von etwas in mir, um das, worum es in meinen Lieblingsb\u00fcchern immer geht: Rebellion gegen alles, was festgefahren ist. In diesem Roman ist diese Rebellion sogar sehr poetisch, denn die Hauptfiguren &#8211; das \u00e4ltere Ehepaar Anna und Otto &#8211; trauern um ihren Sohn, der zu Beginn des Zweiten Weltkriegs gefallen ist, worauf sie das F\u00fchrerregime in eigenh\u00e4ndig angefertigten Postkarten anprangern. Darauf schreiben sie jeweils eine schlichte Botschaft wie z.B. \u201eHitler l\u00fcgt\u201c und legen sie in Treppenh\u00e4usern von Geb\u00e4uden oder Wohnblocks in ihrem Berliner Arbeiterviertel aus. Keine gro\u00df angelegte Aktion also, und doch reagiert das Regime sehr heftig darauf. Die Justiz f\u00e4ngt an, wie verr\u00fcckt nach einem vermuteten, unterirdischen Netzwerk zu fahnden, obwohl an der Aktion nur zwei einfache, trauernde B\u00fcrger beteiligt sind. Herrlich!<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem hat mir das Buch einen Einblick in ein Kapitel der Geschichte gegeben, das ich nicht so gut kannte: das Leben in Deutschland w\u00e4hrend des Nationalsozialismus. Beim Lesen stellt man fest, dass offensichtlich eine Menge gest\u00f6rte, merkw\u00fcrdige Leute am Werk waren, dass aber keineswegs alle Deutschen schlecht waren. Auch innerhalb der eigenen Bev\u00f6lkerung herrschte viel Unterdr\u00fcckung. Dieses Gesp\u00fcr f\u00fcr Nuancen und Mitgef\u00fchl erinnert mich an Primo Levi, der mit <em>Ist das ein Mensch?<\/em> und <em>Die Atempause<\/em> ebenso unglaubliche B\u00fccher \u00fcber den Zweiten Weltkrieg geschrieben hat. Sein Bericht \u00fcber seinen Aufenthalt in Auschwitz zeigt, dass es nat\u00fcrlich egoistische Leute gegeben hat &#8211; die Menschen wollten ja \u00fcberleben &#8211; aber sicherlich auch Mitgef\u00fchl und Liebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Angeblich hat Levi das Buch <em>Jeder stirbt f\u00fcr sich <\/em>allein als \u201eden besten Roman \u00fcber den deutschen Widerstand\u201c bezeichnet. Ich glaube ihm und habe sofort damit begonnen, vier, f\u00fcnf weitere B\u00fccher von Fallada zu lesen. Aus seiner Biografie erfuhr ich, dass er selbst unter dem Faschismus zu leiden und mit vielen D\u00e4monen zu k\u00e4mpfen hatte. In der Irrenanstalt, in der er eine Zeit lang war, schrieb er sein Leben mit all seinen Missgeschicken auf, aber so klein, dass die W\u00e4rter ihm nicht auf die Schliche gekommen sind. Zum Gl\u00fcck stand Fallada die Gabe der Sprache zur Verf\u00fcgung, dank derer er die Gr\u00e4uel in Worte zu fassen vermochte, um damit besser zurechtzukommen. Schreibenderweise n\u00fctzte Fallada nicht nur sich selbst, sondern auch uns, die wir dank seiner B\u00fccher die Welt wieder ein wenig besser verstehen und versuchen k\u00f6nnen, sie zurechtzur\u00fccken.\u2018<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:16px\">Aufgezeichnet von Katrien Steyaert f\u00fcr dasKULTURforum Antwerpen.<br>\u00dcbersetzt von Sandra Kar\u00f3lyi.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":10221,"template":"","class_list":["post-10220","leestips","type-leestips","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/leestips\/10220","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/leestips"}],"about":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/leestips"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/leestips\/10220\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10515,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/leestips\/10220\/revisions\/10515"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10221"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10220"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}