{"id":10020,"date":"2023-10-05T08:52:31","date_gmt":"2023-10-05T06:52:31","guid":{"rendered":"https:\/\/daskulturforum.be\/?post_type=leestips&#038;p=10020"},"modified":"2023-10-12T10:06:48","modified_gmt":"2023-10-12T08:06:48","slug":"wieviel-weiber-hat-man-noetig","status":"publish","type":"leestips","link":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/leestips\/wieviel-weiber-hat-man-noetig\/","title":{"rendered":"Wieviel Weiber hat man n\u00f6tig"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201a\u201e(\u2026) wieviel Weiber hat man n\u00f6tig, um die Skala der Liebe auf und ab zu singen? Kaum da\u00df eine einen Ton ausf\u00fcllt.\u201c<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Ich stimme dem zwar nicht zu, aber was f\u00fcr ein Prachtsatz! Der Mann, der ihn ausgesprochen hat, ist der deutsche Dramatiker Georg B\u00fcchner. Er starb so jung \u2013 mit 23 Jahren \u2013, dass es ein Leichtes ist, sein Gesamtwerk zu erstehen, was ich dann auch als Student in Amsterdam gemacht habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Man ist versucht zu glauben, dass die von B\u00fcchner hinterlassenen Schriften \u2013 eine Handvoll Briefe und vier B\u00fchnenst\u00fccke \u2013 wenig Abwechslung zu bieten haben, aber das stimmt keineswegs: Da ist einerseits das literarisch-pamphletistische Drama <em>Dantons Tod<\/em>, in dem B\u00fcchner die gro\u00dfen, politischen Gedanken anschneidet, also die Unterschiede zwischen links und rechts, die noch heute relevant sind, obschon der Kontext bei ihm der der Franz\u00f6sischen Revolution ist. Es geht um die Frage, was man f\u00fcr die Freiheit aufzugeben bereit ist; sie ist genau das, wonach der Soldat <em>Woyzeck <\/em>in B\u00fcchners gleichnamigem, zweitem B\u00fchnenst\u00fcck nahezu urschreim\u00e4\u00dfig verlangt. Dass diese Frage ihn immer weiter in den Wahnsinn treibt, wird an seinen halluzinatorischen und zugleich hoch poetischen Worten \u201eEiskalt, die H\u00f6lle ist kalt\u201c ersichtlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann gibt es da noch <em>Leonce und Lena<\/em>, mein Lieblingswerk von B\u00fcchner. Das sollten viel mehr Leute lesen, da es nur so strotzt vor Humor, Einfallsreichtum und fesselnden Figuren. Oberfl\u00e4chlich betrachtet k\u00f6nnte man meinen, dass es sich nur um ein M\u00e4rchen handelt, in dem ein Prinz und eine Prinzessin heiraten sollen, sich aber weigern und davonlaufen, sich dann zuf\u00e4llig begegnen und ineinander verlieben. Aber es steckt schon mehr hinter dieser Geschichte: Der Diener Valerio fr\u00f6nt dem Nichtstun und liegt den lieben, langen Tag im Gras herum, da das Leben doch keinen Sinn habe. Leonce pflichtet ihm nicht bei. Er trachtet danach, seinem vorbestimmten Schicksal zu entkommen, etwas zu unternehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich verstehe sie beide und kann diese widerspr\u00fcchlichen Tendenzen nachempfinden: einerseits das akzeptieren bzw. sich damit abfinden, dass das Leben nun mal so ist, wie es ist, und andererseits das innere Feuer bewahren, um weiter gegen das anzuk\u00e4mpfen, was schiefgeht. Aber wie l\u00e4sst sich das kombinieren? B\u00fcchner stimuliert mich immer wieder dazu, dem Funken zur Ver\u00e4nderung nachzugehen. Deshalb m\u00f6chte ich mit dem Spielen und Schreiben weitermachen, sei es auch nur, um f\u00fcr einen einzigen Menschen in der Welt jener kleine Katalysator f\u00fcr ein besseres Leben zu sein.&#8216;<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><a id=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Zitat aus: Leonce und Lena, 1836<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Aufgezeichnet von Katrien Steyaert f\u00fcr dasKULTURforum Antwerpen.<br>\u00dcbersetzt von Sandra Kar\u00f3lyi.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":9924,"template":"","class_list":["post-10020","leestips","type-leestips","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/leestips\/10020","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/leestips"}],"about":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/leestips"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/leestips\/10020\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10038,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/leestips\/10020\/revisions\/10038"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9924"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10020"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}