{"id":964,"date":"2017-03-01T21:45:00","date_gmt":"2017-03-01T20:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/daskulturforum.be\/?post_type=interviews&#038;p=964"},"modified":"2021-05-10T13:11:37","modified_gmt":"2021-05-10T11:11:37","slug":"sabine-reifer","status":"publish","type":"interviews","link":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/interviews\/sabine-reifer\/","title":{"rendered":"Sabine Reifer"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Sabine Reifer hat viele Jahre Theater gemacht und ist jetzt Dozentin an der K\u00f6niglichen Akademie der Sch\u00f6nen K\u00fcnste in Antwerpen. Au\u00dferdem arbeitet sie als selbstst\u00e4ndige \u00dcbersetzerin. Zu ihrem Spezialgebiet geh\u00f6ren Kunstb\u00fccher, Ausstellungskataloge, touristische Brosch\u00fcren und Theatertexte. Manchmal \u00fcbersetzt sie auch Texte f\u00fcr den Antwerpener Hafen \u2013 eine sch\u00f6ne Erg\u00e4nzung zu ihrer sonstigen Arbeit, findet sie, denn das Meer und Schiffe haben sie schon immer fasziniert.<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-central-palette-8-color\">Interview&nbsp;<strong>Goedele Krekels<\/strong>&nbsp;\u2013 \u00dcbersetzung <strong>Sabine Reifer&nbsp;<\/strong>\u2013&nbsp;01|03|2017<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Wie ist das als Dozentin an der Kunsthochschule?<br><\/span>Toll! Und immer eine Win-win-Situation! Die Studenten sehen die Welt ganz anders als ich. Sie sind in einer v\u00f6llig anderen Zeit aufgewachsen. Ich selbst geh\u00f6re eher zur sp\u00e4ten Hippie-Generation. Ich habe oft das Gef\u00fchl, dass sie wie unter einer K\u00e4seglocke leben und versuche ihnen klar zu machen, dass Theaterarbeit unm\u00f6glich ist, wenn man sich nicht f\u00fcr Politik interessiert. Bei den Aufnahmepr\u00fcfungen stellen wir jedes Jahr aufs Neue fest, dass das Allgemeinwissen immer mehr zu w\u00fcnschen \u00fcbrig l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Wann haben Sie sich f\u00fcr ein Leben in Flandern entschieden?<br><\/span>Ich bin 1977 nach Antwerpen gekommen, um Medizin zu studieren, in Deutschland gab es da den Numerus clausus. Ich stamme aus einer Arztfamilie. Mein Vater dachte, ich w\u00fcrde einmal seine Praxis \u00fcbernehmen. Ich habe zwei Jahre Medizin studiert, wusste aber eigentlich schon immer, dass ich lieber Theater machen wollte. Hier habe ich dann viele Leute kennengelernt, die an der Akademie studierten und mir gedacht: \u201eWenn die das k\u00f6nnen, kann ich das auch.\u201c Damit meine Eltern einen Studienwechsel akzeptierten, habe ich dann Germanistik studiert. Ich wusste, dass man dort nach den Grundstudium Theaterwissenschaften als Hauptfach w\u00e4hlen konnte. Au\u00dferdem habe ich in meiner Studienzeit viele F\u00e4cher im Fachbereich Philosophie belegt, was sich im Nachhinein als sehr wichtig erwiesen hat.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Sind Sie z.Zt. noch mit Theaterprojekten besch\u00e4ftigt?<br><\/span>Ich habe die Arbeit im Theater zurzeit aufgegeben: Unterrichten, \u00fcbersetzen und Theater machen lassen sich zeitlich kaum miteinander kombinieren. Ich habe \u00fcbrigens immer nebenbei \u00dcbersetzungen gemacht, denn von der Theaterarbeit allein konnte ich nicht leben.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Haben Sie denn viel Theater gemacht?<br><\/span>Ja, seit 1982. Ich habe zusammen mit Ivo van Hove und Jan Versweyveld angefangen. Sie wohnten in derselben Stra\u00dfe im Haus gegen\u00fcber. Ich studierte damals noch Theaterwissenschaften an der UA. 1985 bin ich dann nach Bonn gegangen und habe dort drei Jahre als Regieassistentin und Produktionsleiterin beim Schauspiel Bonn gearbeitet. Dieses Theater war damals sehr bekannt. Es wurden dort zahlreiche Urauff\u00fchrungen von St\u00fccken zeitgen\u00f6ssischer Autoren wie u. a. Elfriede Jelinek inszeniert. Wir arbeiteten dort an sieben, acht Produktionen gleichzeitig, sieben Tage die Woche, fast rund um die Uhr. Ein Privatleben gab es nicht. L\u00e4nger als zwei, drei Jahre hat das niemand ausgehalten, aber ich habe dort viel gelernt.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ich glaube, die deutschen Theatermacher arbeiten oft intellektualistischer. Die Flamen sind ein Volk von bildenden K\u00fcnstlern. Die Inszenierungen in Deutschland erscheinen mir auch oft durchdachter und fundierter, w\u00e4hrend in Flandern eher aus dem Bauch heraus gearbeitet wird.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Und nach den drei Jahren in Bonn?<\/span><br>Ich bin nach Belgien zur\u00fcckgekehrt und habe dann beim <em>NTG<\/em> gearbeitet. Danach war ich rund zehn Jahre an der <em>Vlaamse Opera<\/em>, bis 2000. Zwischendurch habe ich auch in den Niederlanden gearbeitet und angefangen, selbst Regie zu f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Sie kennen die Theaterlandschaft in Belgien und Deutschland. Gibt es Ihrer Meinung nach gro\u00dfe Unterschiede in Bezug auf die Arbeitskultur, die Inszenierungen, das Publikum\u2026?<\/span><br>Nicht wirklich. Vielleicht kommt das durch die Globalisierung und die Internationalisierung. Es arbeiten inzwischen viele Flamen in Deutschland und in geringerem Ma\u00dfe auch Deutsche in Belgien. Die gro\u00dfen H\u00e4user funktionieren \u00fcberall auf die gleiche Weise: Immer weniger Leute m\u00fcssen mit immer geringeren Mitteln auskommen, obwohl die Theater in Deutschland immer noch viel mehr Geld zur Verf\u00fcgung haben als hier. Es gibt dort auch wesentlich mehr gro\u00dfe Theater und Opernh\u00e4user. Ich glaube, die deutschen Theatermacher arbeiten oft intellektualistischer. Die Flamen sind ein Volk von bildenden K\u00fcnstlern, man denke dabei nur einmal an gro\u00dfe Maler wie Rubens, Breughel, Van Dijk oder Ensor. Im Gegensatz dazu hat es hier im Verlauf der Geschichte eine verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig geringere Anzahl an gro\u00dfen Denkern gegeben. Die Inszenierungen in Deutschland erscheinen mir auch oft durchdachter und fundierter, w\u00e4hrend in Flandern eher aus dem Bauch heraus gearbeitet wird. Das Ergebnis ist sicher genauso faszinierend, aber der Ansatz ist anders. Hier sehe ich manchmal Inszenierungen, die mir zu willk\u00fcrlich erscheinen, die keinen logischen, durchdachten Unterbau haben. In Kritiken wurde mir des \u00d6fteren vorgeworfen, meine Arbeit sei \u201ezu deutsch\u201d, obwohl ich nicht genau wei\u00df, was man eigentlich damit sagen wollte. Vielleicht war es ja genau das!<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">An welchen Produktionen haben Sie am liebsten gearbeitet?<br><\/span>Das ist schwer zu sagen. Ich habe immer gern Musiktheater gemacht, habe aber auch eine Vorliebe f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische St\u00fccke. Was meine eigenen Inszenierungen betrifft, war es vielleicht das <em>Redentiner Osterspiel<\/em> in Leuven anl\u00e4sslich des 575-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums der KU Leuven im Jahr 2000. Diese mittelalterlichen St\u00fccke haben etwas Universales, etwas Authentisches, dass die Leute ber\u00fchrt. Die Auff\u00fchrungen fanden im Freien <strong>\u2013<\/strong> im Gro\u00dfen Beginenhof <strong>\u2013<\/strong> mit live Musik statt: mit Gregorianischem Gesang und Alter Musik. Es war wie eine Zeitmaschine! Da die Handschrift des St\u00fccks in Redentin bei Wismar gefunden wurde, kam auch die B\u00fcrgermeisterin von Wismar zur Premiere nach Leuven. Sie war begeistert und hat uns eingeladen: Ein Jahr sp\u00e4ter haben wir dann in Wismar weitere zehn Vorstellungen gespielt. \u00dcber zehn Jahre nach dem Fall der Mauer war der Unterschied noch gut sp\u00fcrbar. Viele Leute dort hatten keine Arbeit und auch die L\u00f6hne waren damals noch um einiges niedriger als im Westen. Die Leute, die uns beim Aufbau des B\u00fchnenbildes halfen, freuten sich \u00fcber jede zus\u00e4tzliche Arbeitsstunde. Ich hatte mein Auto voll geladen mit belgischem Bier! Es war Sommer, f\u00fcr Pralinen war es zu hei\u00df, aber ich wollte doch gern etwas von hier mitbringen. Die Leute in Wismar waren so nett und freundlich.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Fr\u00fcher kam ich hierher, weil das Leben und die Leute hier weniger hart waren, aber jetzt scheint sich das ins Gegenteil verkehrt zu haben.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Angenommen, Sie h\u00e4tten unbegrenzte Mittel. Was w\u00fcrden Sie dann tun?<\/span><br>Wieder Regie f\u00fchren. Ich w\u00fcrde gern einmal <em>Faust <\/em>von Goethe inszenieren, ein anspruchsvolles, philosophisches St\u00fcck, das auch sehr viele visuelle M\u00f6glichkeiten bietet. Oder ein St\u00fcck wie die <em>Dreigroschenoper <\/em>von Brecht. Leider kann man so gro\u00dfe Produktionen kaum noch finanzieren und auch die Tantiemen f\u00fcr j\u00fcngere St\u00fccke sind oft sehr hoch.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Gehen Sie selbst noch oft ins Theater? Was sehen Sie sich regelm\u00e4\u00dfig an?<\/span><br>Wenn ich kann, auf jeden Fall. Das Toneelhuis ist immer einen Besuch wert, aber es gibt auch eine Menge interessante kleinere Gruppen. In deSingel gehe ich gern, um mir eine \u00dcbersicht \u00fcber das internationale Geschehen zu verschaffen. Ich sehe mir aber auch gern die Vorstellungen des Festivals Opera XXI an <strong>\u2013<\/strong> zeitgen\u00f6ssisches Musiktheater <strong>\u2013<\/strong> ein Genre, das meiner Meinung nach untersch\u00e4tzt wird.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Wie deutsch oder belgisch f\u00fchlen Sie sich eigentlich?<\/span><br>Ich bin in Deutschland geboren und zur Schule gegangen, wohne inzwischen aber schon zwei Drittel meines Lebens in Antwerpen. Ich fahre noch jeden Monat nach Hagen, weil alle meine Verwandten dort wohnen. Die Leute in dieser Region sind sehr herzlich und freundlich. Es ist schon ein bisschen eigenartig: Fr\u00fcher kam ich hierher, weil das Leben und die Leute hier weniger hart waren, aber jetzt scheint sich das ins Gegenteil verkehrt zu haben. Die Leute sind oft nur noch mit sich selbst besch\u00e4ftigt. Eigentlich f\u00fchle ich mich weder belgisch noch deutsch. Wenn es einen europ\u00e4ischen Pass g\u00e4be, w\u00fcrde ich mich sofort darum bem\u00fchen!<\/p>\n","protected":false},"featured_media":835,"template":"","class_list":["post-964","interviews","type-interviews","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews\/964","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews"}],"about":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/interviews"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews\/964\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6909,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews\/964\/revisions\/6909"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/835"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=964"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}