{"id":2816,"date":"2018-03-01T22:24:00","date_gmt":"2018-03-01T21:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/daskulturforum.be\/?post_type=interviews&#038;p=2816"},"modified":"2021-05-10T13:06:39","modified_gmt":"2021-05-10T11:06:39","slug":"dr-thorsten-jacobi","status":"publish","type":"interviews","link":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/interviews\/dr-thorsten-jacobi\/","title":{"rendered":"Dr. Thorsten Jacobi"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wir haben Pfarrer Jacobi noch kurz vor Weihnachten, also mitten in der Adventszeit, f\u00fcr das Interview aufgesucht. Als wir beim Eintreten Zimtsterne, Dominosteine, Aachener Printen und hei\u00dfen Tee bereitstehen sahen, machte unser deutsches Herz einen Freudensprung und sogleich war auch schon das Eis gebrochen. Das Gespr\u00e4ch konnte beginnen.<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-central-palette-8-color\">Interview&nbsp;<strong>Kathrin Reynaers<\/strong>&nbsp;\u2013 \u00dcbersetzung&nbsp;<strong>Sandra Kar\u00f3lyi<\/strong>&nbsp;\u2013 01|03|2018<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Was k\u00f6nnen Sie uns \u00fcber den Ort in Deutschland erz\u00e4hlen, an dem Sie aufgewachsen sind?<br><\/span>Ich komme aus Bochum, mitten im Ruhrgebiet. Die Gegend, in der ich als Kind aufgewachsen bin, liegt hinter dem Bochumer Schauspielhaus, eines der feinsten Theaterh\u00e4user Deutschlands. Es wohnten dort viele Menschen, die beim Bergbau im Management besch\u00e4ftigt waren, so wie mein Vater auch. Mein Gro\u00dfvater war noch ein echter Bergmann und hat im Untertagebau gearbeitet. Man kann also schon sagen, dass ich in der Welt des Bergbaus gro\u00df geworden bin.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Wie sind Sie dann sozusagen von der Bergbau-Familientradition abgekommen, um Theologie zu studieren?<\/span><br>Das ist eine lange Geschichte, denn eigentlich wollte ich schon mit sechs Pfarrer werden. Ich ging damals in den Kindergottesdienst und in der Schule hatten wir einen sehr guten Religionsunterricht. So kam es, dass ich mich in der Kirchengemeinde einsetzte, wo ich mich haupts\u00e4chlich musikalisch bet\u00e4tigte: zun\u00e4chst habe ich in der Kirche Blockfl\u00f6te und Querfl\u00f6te gespielt, sp\u00e4ter habe ich dann im Kirchenchor mitgesungen. Als ich mich 1984 f\u00fcr einen Studiengang entscheiden musste, w\u00e4hlte ich Theologie und Altphilologie, und ging auch f\u00fcr einen Austausch nach Italien.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Wie entscheidend war dieses Jahr in Italien f\u00fcr Sie?<\/span><br>Was mit Sicherheit wichtig gewesen ist, ist die Tatsache, dass ich damals ein ganzes Jahr in einer kleinen Gemeinschaft protestantischer Pr\u00e4gung gelebt habe. Die Religionsgemeinschaft der Waldenser unterh\u00e4lt in Rom eine Fakult\u00e4t, die jedes Jahr eine ganze Reihe von ausl\u00e4ndischen Studenten aufnimmt. So hatte ich das Gl\u00fcck, dort f\u00fcr eine Weile bleiben und studieren zu d\u00fcrfen, wobei ich zugleich auch die M\u00f6glichkeit hatte, Vorlesungen an den katholisch gepr\u00e4gten Fakult\u00e4ten, unter anderem bei den Jesuiten, anzuh\u00f6ren. Ganz anders als zu meiner Kinderzeit \u2013 die Bev\u00f6lkerung Bochums setzte sich aus 40% Katholiken und 40% Protestanten zusammen \u2013 geh\u00f6rte ich zum ersten Mal einer religi\u00f6sen (evangelischen) Minderheit an. Das empfand ich als eine sehr interessante Position, vergleichbar der vertrauten Situation, in der ich mich hier in Antwerpen befinde, wo ich wieder Mitglied einer protestantischen Minderheit bin, weshalb ich mich hier ganz wohl f\u00fchle. Dieses Austauschjahr hat aber auch mein Interesse f\u00fcr die \u00f6kumenische Arbeit geweckt. Als ich im Jahre 2000 in Hagen-Hohenlimburg als Pastor selbst\u00e4ndig anfing zu arbeiten, habe ich eine Reihe Initiativen ins Leben gerufen. Aber nach dreizehn Jahren am gleichen Ort reizten mich neue Herausforderungen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die <em>Evangelische Kirche Deutschland<\/em> bietet Deutschen, die von Amts wegen nach Belgien umziehen, einen Sprachkurs an. Meine Frau und ich haben beide den Kurs belegt, ich in Br\u00fcssel und sie in Dortmund, denn wir sollten ja daran gehindert werden, in unserer Freizeit zu viel Deutsch miteinander zu sprechen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Und wie sind Sie schlie\u00dflich bei der DEGPA gelandet?<br><\/span>Wie ich an einem Treffen des Deutsch-Belgischen Bruderrats (<em>Belgisch-Duits Convent<\/em>, Anm. d. Red.) teilnahm, einer Plattform f\u00fcr religi\u00f6sen Austausch zwischen Belgiern und Deutschen, kam ich ins Gespr\u00e4ch mit einem Pastor, der sich voll des Lobes und sehr herzlich \u00fcber seinen Aufenthalt in Antwerpen \u00e4u\u00dferte und meinte, dass Antwerpen vielleicht doch auch etwas f\u00fcr mich w\u00e4re. Dieser Pastor, wie sich herausstellte, war Pfarrer Hering, mein Vorg\u00e4nger hier bei der DEGPA (<em>Deutschsprachige Evangelische Gemeinde in der Provinz Antwerpen<\/em>, Anm. d. Red.). Als dann zwei Wochen nach unserem Treffen ein Stellenangebot f\u00fcr den Posten in Antwerpen erschien, habe ich nicht gez\u00f6gert und mich beworben. Meine Frau und ich kannten Belgien zwar nicht gut, beschlossen aber dennoch, unser Gl\u00fcck zu versuchen. Und so lie\u00dfen wir uns 2013 in Antwerpen nieder.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Wie hat es mit der Sprache geklappt? Haben Sie schon bevor Sie herzogen Niederl\u00e4ndisch gelernt?<\/span><br>Die EKD (<em>Evangelische Kirche Deutschland<\/em>, Anm. d. Red.) bietet Deutschen, die von Amts wegen nach Belgien umziehen, einen Sprachkurs an. Meine Frau und ich haben beide den Kurs belegt, ich in Br\u00fcssel und sie in Dortmund, denn wir sollten ja daran gehindert werden, in unserer Freizeit zu viel Deutsch miteinander zu sprechen. Meine Erinnerung an diesen Sprachkurs ist die von drei hei\u00dfen und intensiven Wochen in einem K\u00f6nigreich, das zu diesem Zeitpunkt g\u00e4nzlich in den Bann der Thronfolge von Albert II. durch seinen Sohn Philippe gezogen war.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Sie sprechen inzwischen sehr gut Niederl\u00e4ndisch. Hei\u00dft das, dass Sie sich oft auf Niederl\u00e4ndisch unterhalten?<\/span><br>Ich spreche tats\u00e4chlich viel Niederl\u00e4ndisch, vor allem mit meinen Kollegen hier in Antwerpen. Die meisten von ihnen sind Niederl\u00e4nder und sprechen sehr gut Deutsch, aber mir ist es wichtig, Menschen in ihrer eigenen Sprache ansprechen zu k\u00f6nnen. obwohl ich zugeben muss, dass wir beide Sprachen regelm\u00e4\u00dfig durcheinander bringen!<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Woran \u2013 abgesehen von der Hitze, die im Sommer der Thron\u00fcbergabe herrschte&nbsp;\u2013 erinnern Sie sich noch aus Ihrer Anfangszeit in Belgien?<\/span><br>Haupts\u00e4chlich an allt\u00e4gliche Dinge wie z.B. die M\u00fcllentsorgung. Das lief damals ganz anders ab, als bei uns in Deutschland, wo die Abfallbeseitigung sehr gut organisiert war und auch viel mehr sortiert wurde. Aber in Belgien hat sich inzwischen auch sehr viel ge\u00e4ndert. Was mir aber auch heute noch auff\u00e4llt, ist das riesige Verkehrsaufkommen in und um Antwerpen. Obwohl das Ruhrgebiet auch eine verkehrsreiche Gegend ist, glaube ich nicht, dass die Verkehrsdichte dort genauso hoch ist. Auch die Mentalit\u00e4t der Menschen hier ist eine andere als die der Leute in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Was genau meinen Sie mit \u201eandere Mentalit\u00e4t\u201c?<\/span><br>Ich habe das Gef\u00fchl, dass Deutsche offener sind als Belgier oder Flamen, weniger zur\u00fcckhaltend. Als ich ganz am Anfang einen belgischen Kollegen zum Essen zu uns einlud, war er dar\u00fcber erstaunt, gleich zu mir nach Hause kommen zu d\u00fcrfen. Deutsche laden schneller zu sich nach Hause ein, denke ich, wogegen Belgier sich erst einmal auf \u201eneutralem\u201c Boden treffen, in einem Restaurant oder so \u00e4hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Haben Sie als Deutscher in Antwerpen auch weniger gute Erfahrungen gemacht?<br><\/span>Ich erinnere mich da an einen Vorfall aus der Anfangszeit: Wir standen an der Kasse im Supermarkt, als ein Mann, der hinter uns in der Schlange stand, verschreckt aufblickte als er mich und meine Frau Deutsch sprechen h\u00f6rte. Der Mann wirkte keineswegs unfreundlich, aber er schaute uns sehr skeptisch an, wie als w\u00fcrde er denken: \u201eSind die Deutschen schon wieder da.\u201c Auch wie wir neulich in Antwerpen mit deutschen Freunden im Restaurant sa\u00dfen und uns unterhielten, ging so mancher recht kritische Blick in unsere Richtung. Richtig negative Erfahrungen habe ich keine gemacht, aber ab und zu merkt man doch schon, dass manche Leute auf die deutsche Sprache empfindlich reagieren. Das ist ganz bestimmt im Stadtteil Merksem der Fall, wo wir wohnen, und wo die Deutschen w\u00e4hrend des Krieges \u00fcbel gehaust haben; ich kann mir vorstellen, dass das f\u00fcr \u00e4ltere Menschen, die den Krieg noch miterlebt haben, schwierig ist.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die meisten Mitglieder unserer Gemeinde bestellen ihre Rouladen in Deutschland und frieren sie dann ein. Aber dieses Jahr bin ich zu meinem Metzger um die Ecke gegangen und habe ihm mal erkl\u00e4rt, was Rouladen sind und wie man sie zubereitet.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Inwiefern spielt die DEGPA Ihrer Meinung nach eine Rolle bei der Integration von Deutschen in Belgien?<\/span><br>Wenn wir auf die Geschichte zur\u00fcckschauen, dann k\u00f6nnen wir feststellen, dass die heutige Situation eine vollkommen andere ist als die vor drei\u00dfig Jahren. In den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war das Hin- und Herreisen zwischen Deutschland und Belgien nicht so selbstverst\u00e4ndlich und die Religion im t\u00e4glichen Leben noch viel pr\u00e4senter. F\u00fcr die meisten Deutschen, die damals in Belgien lebten, war die Evangelische Gemeinde in Mol die einzige Verbindung zur Heimat. Die Gemeinde hatte deshalb nicht nur ihre religi\u00f6se, sondern auch eine wichtige soziale Funktion, was dazu gef\u00fchrt hat, dass die Deutschen in Antwerpen sich anderweitig vielleicht weniger schnell engagiert und sich demnach nicht so leicht integriert haben. Heute, wo die Mobilit\u00e4t zugenommen hat, und wo religi\u00f6ses und das soziales Leben weniger stark miteinander verquickt sind, liegt der Fokus der Evangelischen Gemeinde wieder st\u00e4rker auf spezifisch religi\u00f6se Aspekte.<br>Andere Initiativen wie die Belgisch-Deutsche Gesellschaft Flandern, die Museumsfreunde und nat\u00fcrlich auch dasKULTURforum Antwerpen behandeln die eher sozialen und kulturellen Bed\u00fcrfnisse. Im \u00dcbrigen hat der Austausch unter verschiedenen Kulturkreisen ganz allgemein zugenommen, was meiner Meinung nach integrationsf\u00f6rdernd ist. Ich will damit nicht sagen, dass die DEGPA keine sozialen und kulturellen Fragen angeht, wir machen n\u00e4mlich bewusst Platz f\u00fcr Sitten und Gebr\u00e4uche, wie z.B. den Advent, die genau genommen zwar keine religi\u00f6sen Feste sind, aber von vielen Deutschen als Teil ihrer Identit\u00e4t verstanden werden.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Was bedeutet es f\u00fcr Sie, als Deutscher in Antwerpen zu arbeiten?<br><\/span>Ich arbeite sehr gern in Antwerpen, vor allem deshalb, weil mein Beruf sich hier ganz anders gestaltet. In Deutschland war ich ein Mitglied einer Organisation mit einer festgelegten Hierarchie. Hier bin ich eher auf mich selbst angewiesen. Daraus ergibt sich, dass ich mein Augenmerk mehr aufs Wesentliche richten muss, aber auch mehr richten kann.<br>Au\u00dferdem finden meine Frau und ich, dass Antwerpen kulturell betrachtet eine reiche und interessante Stadt ist, was bestimmt dazu beigetragen hat, dass wir uns hier wohlf\u00fchlen, auch wenn das mit dem Sich-hier-heimisch-f\u00fchlen seine Zeit gebraucht hat. Gl\u00fccklicherweise haben wir uns gleich als wir ankamen ein Abonnement f\u00fcr die Oper besorgt, wodurch wir dann auch verpflichtet waren, in die Innenstadt reinzufahren. So haben wir nach und nach die Stadt kennengelernt. In Antwerpen m\u00f6gen wir u.a. das Rockoxhaus gern. Dieses Museum liegt etwas zur\u00fcckgesetzt, weshalb es nicht so bekannt ist und man es oft in aller Ruhe besichtigen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Im vergangenen Sommer fand das Reformationsjubil\u00e4um statt. K\u00f6nnen Sie dar\u00fcber kurz etwas sagen?<\/span><br>In der Tat! Es war sehr interessant, auf nationaler Ebene in allen Aussch\u00fcssen zur Vorbereitung des Lutherjahrs zu sitzen, aber f\u00fcr die schnellen Entscheidungen haben wir doch schon gelegentlich so etwas wie einen Superintendanten, also jemanden aus der Kirche, der sich des Tagesgesch\u00e4fts annimmt, vermisst. Schlussendlich ist alles gut gegangen, vielleicht dank der typisch belgischen Kompromissf\u00e4higkeit. Denn wenn Angelegenheiten hier in Belgien oft nicht so effizient erledigt werden, wie wir es aus Deutschland gew\u00f6hnt sind, kann hierzulande doch, wenn es darauf ankommt, gerade auf Grund dieser typischen Kompromissf\u00e4higkeit vieles erreicht werden.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Sie sind f\u00fcr sechs Jahre nach Antwerpen geschickt worden. Haben Sie die Absicht, nach Ablauf Ihres Mandats sofort nach Deutschland zur\u00fcckzugehen?<\/span><br>Wir haben keinen zwingenden Grund, l\u00e4nger zu bleiben. H\u00e4tten wir Kinder, dann l\u00e4ge der Fall vielleicht anders. Somit gehen wir 2019 nach Deutschland zur\u00fcck, wo ich gern wieder etwas von Null an aufbauen m\u00f6chte. Was es wird, wei\u00df ich noch nicht, aber ich vertraue darauf, dass sich alles im Laufe dieses Jahres deutlicher abzeichnen wird.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Was werden Sie nach Ihrer R\u00fcckkehr in Deutschland vermissen?<br><\/span>Ich werde vor allem die Art und Weise, wie ich meinen Beruf hier aus\u00fcben konnte, vermissen. Ich habe eine gro\u00dfartige Beziehung zu meinen Kollegen und die Offenheit, mit der ich im hiesigen Amt empfangen wurde, werde ich so schnell nicht vergessen. Kaum war ich da, hat mich der Bischof begr\u00fc\u00dft, aber auch der Pastor der Luther-Kirche kam bald, um uns kennenzulernen. In Deutschland herrscht eine viel gr\u00f6\u00dfere Konkurrenz zwischen den verschiedenen Pfarrbezirken und folglich auch unter den Pfarrern. In Belgien scheint mir das \u00fcberhaupt nicht der Fall zu sein.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Wie Sie selbst vorhin sagten, sind Sie schon recht fr\u00fch in Ihrem Leben mit dem Konzept der \u00d6kumene in Kontakt gekommen. Sind Sie heute noch in diesem Bereich t\u00e4tig?<\/span><br>Bevor ich nach Belgien kam, habe ich mich in Deutschland vor allem mit dem interreligi\u00f6sen Dialog besch\u00e4ftigt. Ich habe Treffen und Gespr\u00e4che mit Menschen anderen Glaubens organisiert, aber z.B. auch Koch-Workshops mit Frauen aus der t\u00fcrkisch-islamischen Gemeinschaft. Als ich nach Belgien kam, wusste ich, dass mein Amt daf\u00fcr wenig M\u00f6glichkeiten bieten w\u00fcrde. Gl\u00fccklicherweise bat mich der Verwaltungsbezirk Merksem darum, mich als Vertreter der DEGPA an Gespr\u00e4chsrunden zu beteiligen, die darauf abzielten, verschiedene Glaubensgemeinschaften zusammenzubringen. Inzwischen pflege ich regelm\u00e4\u00dfige Kontakte mit einigen Personen mit einer anderen Religion, u.a. von der Ahmadiyya Moslim-Gemeinschaft oder der marokkanischen Berbergemeinschaft, mit denen wir abwechselnd Runde Tische zu einem bestimmten Thema organisieren.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wenn Angelegenheiten hier in Belgien oft nicht so effizient erledigt werden, wie wir es aus Deutschland gew\u00f6hnt sind, kann hierzulande doch, wenn es darauf ankommt, gerade auf Grund dieser typischen Kompromissf\u00e4higkeit vieles erreicht werden.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Wenn man Sie darum bitten w\u00fcrde, etwas aus \u201ader deutschen Kultur\u2018 zu f\u00f6rdern, was w\u00e4re das?<\/span><br>Das ist eine gute, aber schwierige Frage. Ich werde regelm\u00e4\u00dfig gefragt, ob wir deutsches Brot verkaufen. Vielleicht w\u00e4re es mal interessant, hier in Antwerpen zwischen all den polnischen, russischen, thail\u00e4ndischen, chinesischen usw. Gesch\u00e4ften einen Laden zu haben, der typische, deutsche Lebensmittel und Produkte verkauft. Viele Deutsche essen heutzutage zu Weihnachten z.B. gern Rouladen. Die meisten Mitglieder unserer Gemeinde bestellen ihre Rouladen in Deutschland und frieren sie dann ein. Aber dieses Jahr bin ich zu meinem Metzger um die Ecke gegangen und habe ihm mal erkl\u00e4rt, was Rouladen sind und wie man sie zubereitet. Wer wei\u00df, vielleicht setzen sie sich hier irgendwann einmal durch!<br>Davon abgesehen finde ich, dass die deutsche Kultur in Antwerpen gut gef\u00f6rdert wird. Unsere Gemeinde hat 2016 gemeinsam mit dasKULTURforum Antwerpen den Satiriker Hans Conrad Zander aus K\u00f6ln zu einer Lesung eingeladen (im Rahmen von dasFestival|K\u00d6LN, Anm. d. Red.). Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn die DEGPA und dasKULTURforum in Zukunft erneut auf diese Weise zusammenarbeiten k\u00f6nnten.<br>Ich stelle wohl fest, dass die Belgier wenig aktuelle Kenntnisse \u00fcber Deutschland haben. Wenn ich Zeitungen lese oder die Nachrichten anschaue, dann habe ich nicht den Eindruck, dass unter den Journalisten auch nur einer ist, der sich in der deutschen Politik oder im deutschen Sport auskennt bzw. sich diesbez\u00fcglich auf dem Laufenden h\u00e4lt. Oft bleibt es bei den bekannten Klischees und das ist schade. Aber das ist vielleicht andersherum auch nicht anders, oder? Ich wei\u00df, dass es auch heute noch Deutsche gibt, die glauben, dass in Belgien nur Franz\u00f6sisch gesprochen wird oder dass Antwerpen in den Niederlanden liegt.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Was ist f\u00fcr Sie typisch belgisch? Was k\u00f6nnen Deutsche und Belgier voneinander lernen?<\/span><br>Ohne auf alte Klischees zur\u00fcckgreifen zu wollen, finde ich doch, wie ich vorhin bereits erw\u00e4hnte, dass das Schlie\u00dfen von Kompromissen etwas typisch Belgisches ist. Und dies hier auch (Dr. Jacobi zeigt den Bildband <em><a href=\"http:\/\/www.belgian-solutions.be\"><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Belgian Solutions<\/span><\/span><\/a><\/em>, Anm. d. Red.): es ist so was von typisch belgisch, dass B\u00fcrger bei Stra\u00dfenbauarbeiten schlecht informiert bzw. dass ihnen merkw\u00fcrdige L\u00f6sungen angeboten werden. Wenn ich daran zur\u00fcckdenke, wie die Bredabaan neu angelegt wurde, dann f\u00e4llt mir ein, wie damals nur auf jedes f\u00fcnfte Haus ein Brett \u00fcber den Graben vor der Haust\u00fcr kam. Die Leute, die in den vier H\u00e4usern dazwischen wohnten, mussten selbst schauen, wie sie in ihr Haus gelangen konnten. In Deutschland h\u00e4tte dies f\u00fcr mehr Aufruhr gesorgt, als hier, wo jeder Einzelne sich eher allein durchzuwurschteln versucht.<br>Was das Voneinanderlernen betrifft, so denke ich, dass Deutsche vor allem \u00f6fter versuchen sollten, Europa aus der Perspektive kleinerer L\u00e4nder zu betrachten. Sie tendieren zu oft dazu, alles aus der Sicht ihrer eigenen, wirtschaftlich starken Stellung einzusch\u00e4tzen. Was Belgier wiederum lernen k\u00f6nnten, ist, dass Deutschland wirklich mehr kann, als nur Krieg f\u00fchren. Deutschland hat auf wirtschaftlicher, aber auch auf kultureller Ebene entschieden mehr zu bieten und es k\u00f6nnte nicht schaden, einander aufs Neue besser kennenzulernen.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Schlussendlich: wo sollten Belgier anfangen, Deutschland besser zu erkunden?<\/span><br>Vielleicht ist als Ausgangspunkt das Ruhrgebiet eine interessante Gegend. Erstens, weil es nicht weit weg liegt und in Bezug auf Industrie von gro\u00dfem kulturgeschichtlichen Wert ist. In diesem Zusammenhang kann es Industriest\u00e4dten wie L\u00fcttich als gutes Beispiel f\u00fcr eine gelungene Transformation von einer Industriezone in eine Kulturregion dienen. Aber es gibt nat\u00fcrlich noch viele andere St\u00e4dte und Gegenden, die eine Reise wert sind. So sind \u00e4ltere St\u00e4dte an der Ostsee wie Rostock und Wismar nicht nur kulturell ansprechend, sondern auch malerisch gelegen. Wer nicht so weit fahren m\u00f6chte, dem w\u00fcrde ich das M\u00fcnsterland oder das Sauerland empfehlen, aber auch die St\u00e4dte L\u00fcdenscheid und Soest, die unter Belgiern der \u00e4lteren Generation haupts\u00e4chlich f\u00fcr die dort nach dem Krieg errichteten belgischen Kasernen bekannt sind.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":749,"template":"","class_list":["post-2816","interviews","type-interviews","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews\/2816","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews"}],"about":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/interviews"}],"version-history":[{"count":53,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews\/2816\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6899,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews\/2816\/revisions\/6899"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/749"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2816"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}