{"id":2766,"date":"2019-05-01T21:43:00","date_gmt":"2019-05-01T19:43:00","guid":{"rendered":"https:\/\/daskulturforum.be\/?post_type=interviews&#038;p=2766"},"modified":"2021-05-10T10:12:04","modified_gmt":"2021-05-10T08:12:04","slug":"barbara-giepner","status":"publish","type":"interviews","link":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/interviews\/barbara-giepner\/","title":{"rendered":"Barbara Giepner"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Barbara Giepner empf\u00e4ngt mich in ihrer Antwerpener Wohnung, wo ein gro\u00dfer Fl\u00fcgel den Raum dominiert. Es ist uns endlich \u2013 zwischen Probe und Konzert \u2013 gegl\u00fcckt, ein Treffen f\u00fcr das Interview zu organisieren, in dem wir uns \u00fcber die bindende Kraft der Musik und die Stadt Antwerpen unterhalten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-central-palette-8-color\">Interview <strong>Kathrin Reynaers<\/strong>&nbsp;\u2013 \u00dcbersetzung <strong>Sandra K\u00e1rolyi<\/strong> \u2013 01|05|2019<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Kannst du mir erz\u00e4hlen, wo du aufgewachsen bist?<br><\/span>Ich komme aus der Gegend von M\u00f6nchengladbach, unweit der Grenze zu den Niederlanden, und eigentlich auch nicht sehr weit von Antwerpen. Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, ist zwar klein, aber es besitzt eine sehenswerte Kapelle aus dem 17. Jahrhundert, Klein-Jerusalem genannt. Sie ist der Versuch, die Grotte, in der Jesus geboren wurde, und sein Grab nachzubauen. Ich habe meine ganze Kindheit in diesem Dorf verbracht, bis ich zum Studieren wegging: zuerst nach K\u00f6ln, dann nach Paris und London, und jetzt bin ich hier in Antwerpen.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Was hat dich bewogen, Musikerin zu werden?<\/span><br>Das hat sich eher zuf\u00e4llig ergeben. Als meine Schwester in den Kindergarten kommen sollte, gab es dort keinen Platz f\u00fcr sie. Weil aber unsere Eltern fanden, dass sie trotzdem Kontakt zu gleichaltrigen Kindern haben sollte, gingen sie auf die Suche und fanden&#8230; eine Musikschule, die ein Programm f\u00fcr die ganz Kleinen anbot. So kam es, dass meine Schwester als erste dort hinging und mein Bruder und ich denselben Weg nahmen. Bald spielten wir alle drei ein Instrument und schlussendlich haben wir auch alle Musik studiert.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Irgendwie habe ich nach stressigen Jahren und viel Herumreisen das Gef\u00fchl, dass ich in Antwerpen zuhause angekommen bin.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Was hat dazu gef\u00fchrt, dass du heute das tust, was du tust?<br><\/span>Abgesehen von meiner Ausbildung, hat die Tatsache, dass ich zwei Instrumente \u2013 Klavier und Bratsche \u2013 spielen gelernt habe, einen gro\u00dfen Einfluss auf meine heutige Besch\u00e4ftigung gehabt. Obwohl ich zuerst das Klavierspiel erlernt habe, sich aber mit diesem Instrument nicht so leicht ein Lebensunterhalt verdienen l\u00e4sst (au\u00dfer, man w\u00fcrde Klavierstunden geben), hat die Bratsche meinen Weg bestimmt. Als Bratschist findet man eben doch leichter eine Festanstellung in einem Orchester, weshalb ich das Bratschenspiel zu meinem Hauptberuf erkl\u00e4rt habe.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Gibt es gro\u00dfe Unterschiede zwischen der Musikwelt hier in Belgien und den Erfahrungen, die du in Deutschland gemacht hast?<\/span><br>Die Tatsache, dass Deutschland ein viel gr\u00f6\u00dferes Land als Belgien ist, hat zur Folge, dass sich dort auf dem Gebiet der klassischen Musik auch sehr viel mehr tut. Es gibt einfach mehr Musikhochschulen, mehr Orchester und dann zieht Deutschland international auch die meisten Musiker nach Europa an, von denen viele oft nach Beendigung ihres Studiums dort h\u00e4ngen bleiben. Ich glaube, dass es auch in Belgien diesen internationalen Mix gibt, nur spielt sich alles eben in kleineren Proportionen ab.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Was hat dich nach Antwerpen gef\u00fchrt?<\/span><br>Ich habe in verschiedenen Orchestern und in verschiedenen L\u00e4ndern gespielt, aber in Antwerpen hat mir das Antwerp Symphony Orchestra einen festen Job angeboten. Anfangs fand ich das vor allem praktisch, weil ich auch noch Mitglied in einem Streichquartett in Paris bin und von Antwerpen aus eine schnelle Verbindung dorthin besteht. Au\u00dferdem bin ich nicht weit weg von meinen Eltern. Obwohl meine Entscheidung zun\u00e4chst eher praktisch motiviert war, wurde mir ziemlich schnell klar, dass ich auch sehr gern hier wohne.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Was bedeutet es f\u00fcr dich, in Antwerpen zu wohnen und zu arbeiten?<br><\/span>Irgendwie habe ich nach stressigen Jahren und viel Herumreisen das Gef\u00fchl, dass ich in Antwerpen zuhause angekommen bin. Es ist ein Ort, an dem ich mich wohl f\u00fchle und wo ich auch l\u00e4nger verweilen kann. Ich habe auch Gl\u00fcck gehabt, dieses Haus zu finden, in dem es sich angenehm lebt und wo meine Nachbarn es m\u00f6gen, wenn ich Musik mache. Was mir pers\u00f6nlich an Antwerpen gef\u00e4llt, ist, dass es eine \u00fcbersichtliche Stadt ist, in der ich kein Auto brauche. Au\u00dferdem ist Antwerpen trotz seiner relativ kleinen Gr\u00f6\u00dfe dennoch sehr dynamisch.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Wohin in Antwerpen f\u00fchrst du Freunde oder Besucher?<br><\/span>Obschon es viele interessante Ecken und Veranstaltungen in Antwerpen gibt, begn\u00fcgen wir uns oft damit, durch die Stadt zu schlendern. Ich finde es sch\u00f6n, wie die Menschen hier im Allgemeinen einfach bem\u00fcht sind, das Leben zu genie\u00dfen. Sollte ich einmal wegziehen, so w\u00fcrde ich die hier herrschende Lebensfreude und Aufgeschlossenheit vermissen. Wenn ich jetzt aber eine ganz konkrete Adresse nennen muss, dann denke ich an das <em>Plantijn-Moretus-Museum<\/em> und das <em>Vleeshuis <\/em>(Fleischhaus). Aber auch das Modeviertel ist eine nette Gegend, in der ich mich gern aufhalte. Dadurch, dass die Stadt so zahlreichen Einfl\u00fcssen unterliegt und hier viele Menschen von ausw\u00e4rts zusammenkommen, bleibt sie in stetem Wandel und genau das macht sie interessant.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Welche Bedeutung hat die klassische Musik f\u00fcr Dich und welche Bedeutung sollte bzw. m\u00fcsste ihr ganz allgemein beigemessen werden?<\/span><br>Was mich schon immer an der Musik fasziniert hat \u2013 und damit fasse ich auch gleich ihre Bedeutung zusammen \u2013, ist die Tatsache, dass sie eine Universalsprache ist. Musik verbindet Menschen. Einander durch Musik und mit ihrer Hilfe zu verstehen, ohne dass man die gleiche Sprache spricht, ist, finde ich, eine wundersch\u00f6ne Sache.<br>Und Musik vereint tats\u00e4chlich Menschen aus verschiedenen Kulturen: so ist unsere Cellistin Spanierin mit baskischen Wurzeln und unsere beiden franz\u00f6sischen Geiger haben ihre Wurzeln auf Martinique und in Israel. Die meisten Orchester haben eine kunterbunte, internationale Besetzung und geben in dieser Hinsicht ein gutes Beispiel f\u00fcr Kommunikation und Verst\u00e4ndnis von verschiedenen Nationalit\u00e4ten und Kulturen untereinander.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Findest Du, dass der interkulturelle Kontakt etwas Wichtiges ist?<\/span><br>Ich glaube, ich k\u00f6nnte mir ein Leben ohne interkulturelle Begegnungen gar nicht vorstellen. Als ich noch in Deutschland wohnte, gab es Momente, wo ich weg und mehr von der Welt sehen wollte. In der Schule habe ich jede Gelegenheit ergriffen, neue Dinge anzuschauen, neue Menschen kennenzulernen. Jede Klassenfahrt, jeden Austausch oder Ausflug habe ich mitgemacht.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Musik verbindet Menschen. Einander durch Musik und mit ihrer Hilfe zu verstehen, ohne dass man die gleiche Sprache spricht, ist, finde ich, eine wundersch\u00f6ne Sache.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Unter verschiedenen Umst\u00e4nden und unter Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zu leben und zu arbeiten bedeutet, dass man sich \u00f6ffnen muss, wenn man Anschluss haben m\u00f6chte. In der heutigen Welt, in der verschiedene Kulturen und Einfl\u00fcsse mehr und mehr miteinander verwachsen, erscheint es mir sinnvoll, anderen gegen\u00fcber immer wieder offen zu sein. Nur so k\u00f6nnen wir es schaffen, einander zu verstehen. Was aber nicht ausschlie\u00dft, dass ich vielleicht doch irgendwann einmal an meinen Geburtsort, in mein Dorf zur\u00fcckkehre&#8230;<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Sollten wir das Antwerp Symphony Orchestra n\u00e4her kennenlernen?<\/span><br>Ja, nat\u00fcrlich! Das Antwerp Symphony Orchestra ist ein Orchester mit einer unglaublichen Dynamik. Abgesehen von ihrem hohen Niveau spielen die meisten Musiker mit riesengro\u00dfer Leidenschaft und Freude, was nicht f\u00fcr jedes Orchester selbstverst\u00e4ndlich ist. Neue Mitglieder nimmt das Orchester auch sehr offen auf. Meiner Meinung nach herrscht da ein sehr gutes Arbeitsklima, was sich an den guten Interpretationen deutlich bemerkbar macht.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Das Repertoire ist ausnehmend vielseitig. Was spricht Dich daran besonders an?<\/span><br>Ich finde es interessant und wichtig, dass wir verschiedene Arten von Projekten haben, weil wir dadurch unterschiedliche Zielgruppen erreichen k\u00f6nnen. Gleichzeitig ist es aber auch f\u00fcr das Orchester wichtig, seine Existenz verantworten zu k\u00f6nnen, denn schlie\u00dflich werden wir von der Regierung finanziell unterst\u00fctzt. Mir pers\u00f6nlich ist es auch wichtig, meinen Mitmenschen die Musik nahezubringen.<br>Obwohl weniger zug\u00e4ngliche Produktionen f\u00fcr einen Berufsmusiker zwangsl\u00e4ufig eine ordentliche Herausforderung darstellen, ist es doch immer wieder erfrischend, nicht vor ein- und demselben Publikum spielen zu m\u00fcssen. Wir organisieren neben den traditionell-klassischen Konzerten zum Beispiel auch Konzerte f\u00fcr Kinder, oder wir tragen die Musik in Einrichtungen oder zu Menschen, die nicht (mehr) in der Lage sind, eigenst\u00e4ndig zum Konzertsaal zu kommen. So begibt sich das Orchester immer wieder neu auf die Suche nach neuen M\u00f6glichkeiten und Instrumentalbesetzungen, die sie dann auch bis zu einer gelungenen Auff\u00fchrung bringt.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Welche Momente im Orchester gefallen Dir am besten?<br><\/span>Oft ist es eine Kombination von Menschen und Musik. Zu meinen absoluten Lieblingsmomenten z\u00e4hlt unsere k\u00fcrzlich erfolgte Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Lahav Shani. Es war faszinierend, miterleben zu k\u00f6nnen, wieviel Wissen ein so junger Dirigent ausstrahlt; zurzeit ist er der Chefdirigent des Philharmonischen Orchesters von Rotterdam. Aber ich freue mich auch auf die Zusammenarbeit mit Elim Chan, die sich f\u00fcr die n\u00e4chsten zwei Jahre als Chefdirigentin an unser Orchester bindet.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Welcher klassischen Musik gilt Deine absolute Vorliebe?<br><\/span>Es f\u00e4llt mir schwer, eine Wahl zu treffen, also werde ich zwei Komponisten nennen, deren Werk ich besonders sch\u00e4tze. Ich f\u00fcrchte, hier tritt meine deutsche Herkunft deutlich zutage (lacht). Der erste ist Bach, den ich vor allem wegen seiner musikalischen Vielseitigkeit bewundere. Er beherrscht nicht nur viele Stile, sondern hat f\u00fcr jede Gelegenheit und jeden Lebensabschnitt etwas komponiert. Von Beethoven finde ich, dass er rundweg nur gute Musik geschrieben hat. Und schlie\u00dflich ist da \u2013 nat\u00fcrlich! \u2013 auch Brahms mit seiner sch\u00f6nen Kammermusik.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Gehst Du selbst noch regelm\u00e4\u00dfig ins Konzert?<br><\/span>Das schaffe ich nicht. Ich spiele im Durchschnitt bei drei Konzertauftritten in der Woche mit, daneben mache ich noch regelm\u00e4\u00dfig Aufnahmen. Meine Freizeit verbringe ich am liebsten damit, dass ich mit Freunden Sport treibe, die selbst keine Musiker sind \u2013 das sorgt f\u00fcr einen guten Ausgleich.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Hast Du noch ein paar Musiktipps f\u00fcr uns?<\/span><br>In den n\u00e4chsten Wochen spielen wir Tschaikowsky, Brahms und auch <em>Kortjakje<\/em>, eine Einf\u00fchrung in die klassische Musik f\u00fcr die Allerkleinsten. Mehr Tipps gibt es auf unserer&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.antwerpsymphonyorchestra.be\/\" target=\"_blank\"><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Webseite<\/span><\/span><\/a>.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":529,"template":"","class_list":["post-2766","interviews","type-interviews","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews\/2766","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews"}],"about":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/interviews"}],"version-history":[{"count":40,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews\/2766\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6851,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews\/2766\/revisions\/6851"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/529"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2766"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}