{"id":2193,"date":"2018-07-01T18:04:00","date_gmt":"2018-07-01T16:04:00","guid":{"rendered":"https:\/\/daskulturforum.be\/?post_type=interviews&#038;p=2193"},"modified":"2021-05-10T13:06:17","modified_gmt":"2021-05-10T11:06:17","slug":"patricia-schattmann","status":"publish","type":"interviews","link":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/interviews\/patricia-schattmann\/","title":{"rendered":"Patricia Schattmann"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ein kalter Freitagmorgen ist es, als mich Patricia herzlich empf\u00e4ngt. Wir nehmen im Wohnzimmer Platz, das von der durch die Fenster scheinenden Sonne freundlich erhellt wird. Und so wird aus unserem Interview ein sch\u00f6nes, langes Gespr\u00e4ch \u00fcber das Leben, die Liebe und\u2026 Schuhe.<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-central-palette-8-color\">Interview <strong>Kathrin Reynaers<\/strong>&nbsp;\u2013 \u00dcbersetzung <strong>Sandra Kar\u00f3lyi<\/strong> \u2013 01|07|2018<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Kannst du mir etwas \u00fcber die Umgebung erz\u00e4hlen, in der der du gro\u00df geworden bist?<\/span><br>Ich bin in Kalkar am Niederrhein geboren und aufgewachsen, ganz nah an der Grenze zu den Niederlanden. Kalkar ist eine kleine, h\u00fcbsche Stadt, die zwar schon seit dem Mittelalter besteht, aber heute doch eher als gro\u00dfes Dorf zu bezeichnen ist. Das ist so ein Ort, wo jeder jeden kennt, was mir als Kind sympathisch vorkam und ein gutes Gef\u00fchl von Sicherheit gab, sich dann aber beklemmend auswirkte, als ich \u00e4lter war. Als junge Studentin fuhr ich oft nach Nimwegen, um mehr von der Welt zu sehen.<br>Wir wohnten im Zentrum von Kalkar, \u00fcber dem Schuhgesch\u00e4ft meiner Eltern. Als Kind sa\u00df ich oft auf der Treppe im Laden und lauschte gebannt den Gespr\u00e4chen zwischen meinen Eltern und den Kunden. Meine Eltern waren sehr engagierte B\u00fcrger, weshalb wir uns alle einbezogen f\u00fchlten, wenn es um unsere Stadt ging.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Du bist nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Hast du noch eigene Erinnerungen an die Folgen des Krieges?<br><\/span>F\u00fcr mich war der Krieg Geschichte, aber f\u00fcr meine Eltern, die ihn als Kinder miterlebt haben, war er manchmal noch sehr pr\u00e4sent. Vor allem meine Mutter hat heute noch regelm\u00e4\u00dfig das Bed\u00fcrfnis, \u00fcber einige traumatische Erlebnisse zu sprechen.<br>Als ich Ende der siebziger Jahre nach Belgien umzog, trat der Krieg pl\u00f6tzlich auch an mich n\u00e4her heran. Ich wurde zum ersten Mal mit der Wahrnehmung des Krieges aus der nicht-deutschen Perspektive konfrontiert, wobei ich regelm\u00e4\u00dfig negative Bemerkungen zu h\u00f6ren bekam. Das war schon schwer f\u00fcr mich, weil ich damals nicht gut Niederl\u00e4ndisch sprechen und mich folglich auch nur schlecht verteidigen konnte. Es kam mir oft so vor, als m\u00fcsste ich mich f\u00fcr die, die ich bin, und f\u00fcr meine Herkunft entschuldigen, obwohl ich den Krieg nicht einmal selbst erlebt hatte.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ich wurde zum ersten Mal mit der Wahrnehmung des Krieges aus der nicht-deutschen Perspektive konfrontiert, wobei ich regelm\u00e4\u00dfig negative Bemerkungen zu h\u00f6ren bekam.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Aus dieser Erfahrung heraus verfolge ich heute mit Besorgtheit die Fl\u00fcchtlingspro-blematik. Ich werde selbst zwar nicht mehr als Ausl\u00e4nderin angesehen, dennoch wei\u00df ich nur allzu gut, wie es sich anf\u00fchlt, wenn jemand auf Grund seiner Herkunft und\/oder seiner Muttersprache schief angeguckt wird. Das hat Auswirkungen auf Identit\u00e4t und Selbstver-trauen, und zieht somit nat\u00fcrlich auch Folgen nach sich. Urspr\u00fcnglich wollte ich studieren, weil ich grad frisch von der Schulbank kam, aber hier wurde von uns erwartet, dass wir sofort heirateten, wodurch ich eine Reihe meiner Zukunftspl\u00e4ne und Erwartungen neu \u00fcberdenken musste. Obendrein kam ich von einem weitaus progressiveren Deutschland in das gesellschaftspolitisch strenger aufgeteilte Belgien, weshalb ich Vieles nicht einordnen konnte und Schwierigkeiten damit hatte, mich zu entscheiden, z.B. welches Fach ich studieren wollte. Ich habe einfach das Leben genommen, wie es kam, weshalb ich manche Dinge im R\u00fcckblick schon ein wenig bereue.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Wie bist du nach Belgien gekommen?<br><\/span>Ich war schon immer von anderen L\u00e4ndern und Kulturen fasziniert, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass ich im Ausland gelandet bin. Mein Mann war in den achtziger Jahren als belgischer Soldat in Deutschland stationiert. Es gab nur eine einzige Kneipe in der Stadt und da sa\u00dfen auch belgische Soldaten an ihren dienstfreien Abenden herum. Eines Tages stand da einer meiner besten Freunde mit einem dieser Soldaten am Quatschen und ich habe mich, neugierig wie ich war, ohne zu z\u00f6gern einfach dazugesellt. Wir kamen ins Gespr\u00e4ch und letztlich bin ich ihm nach Beendigung seiner Dienstzeit nach Belgien gefolgt.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Kannst du ein Beispiel nennen f\u00fcr etwas, das du sp\u00e4ter bereut hast?<br><\/span>Weil ich anfangs ziemlich unsicher war, habe ich oft auf das zur\u00fcckgegriffen, was ich kannte. So habe ich mich \u00fcber die Ausbildung zur Kinderg\u00e4rtnerin bei einer meiner Kusinen in Deutschland informiert, obwohl ich hier in Belgien studieren wollte. Als ich dann mit dem Studium anfing, habe ich schnell feststellen m\u00fcssen, dass das Bildungswesen hier ganz anders konzipiert war. W\u00e4hrend das Studium in Deutschland sehr praxisorientiert und stark auf Erfahrungswerte ausgerichtet war, war hier alles sehr schulisch und theoretisch gestaltet. Das hat mich ungl\u00fccklich gemacht und ich habe nicht verstanden, wie beide Ausbildungssysteme zum gleichen Diplom f\u00fchren k\u00f6nnen. Als ich schwanger wurde, habe ich dann auch nicht lange \u00fcberlegen m\u00fcssen und habe mich f\u00fcr den Abbruch meiner Ausbildung entschieden. Sp\u00e4ter hat es mich gereut, weil ich dadurch keinen Abschluss hatte, und das in einem Land, in dem ein Hochschuldiplom so viel z\u00e4hlt. Schlie\u00dflich habe ich dann doch die Kurve gekriegt.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ein Zusammenleben erfordert eine Offenheit nicht nur gegen\u00fcber den anderen, sondern auch gegen\u00fcber sich selbst. Sobald man mit Verschiedenheit konfrontiert wird, wird man auch unweigerlich mit der Tatsache konfrontiert, dass das, was man als selbstverst\u00e4ndlich begreift, in Frage gestellt werden kann.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Glaubst du, es liefe anders, wenn du heute nach Antwerpen k\u00e4mst?<\/span><br>Ich glaube schon. Es hat sich inzwischen so vieles ge\u00e4ndert. Ich habe Antwerpen in den siebziger Jahren als eine Stadt mit vorwiegend wei\u00dfh\u00e4utiger, niederl\u00e4ndischsprachiger und eher konservativer Bev\u00f6lkerung kennengelernt. Heutzutage ist sie in vielerlei Hinsicht ganz anders, weil sie internationaler geworden ist. Ich sehe das als eine positive Entwicklung, auch wenn damit sicher auch Herausfor-derungen und Probleme einhergehen. Aber die Dynamik, die von einem Multi-Kulti-Mix ausgeht, zeigt uns, dass wir unser Leben nicht \u201aeinseitig\u2018 beherrschen, mit anderen Worten, \u00fcber unser Schicksal nicht allein entscheiden, und dass es darum wenig sinnvoll ist, krampfhaft an Dingen festzuhalten, die wir als \u201a\u00fcblich\u2018 und \u201anormal\u2018 empfinden. Ein Zusammenleben erfordert eine Offenheit nicht nur gegen\u00fcber den anderen, sondern auch gegen\u00fcber sich selbst. Sobald man mit Verschiedenheit konfrontiert wird, wird man auch unweigerlich mit der Tatsache konfrontiert, dass das, was man als selbstverst\u00e4ndlich begreift, in Frage gestellt werden kann. Das kann schon mal eine destabilisierende Wirkung haben, erweitert aber den pers\u00f6nlichen Horizont und \u00e4ndert somit den Blick, mit dem man daraufhin Dinge betrachtet.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Welchen Stellenwert hat deiner Meinung nach die Sprache dabei?<br><\/span>Sprachkenntnisse sind fundamental wichtig, um Kontakte kn\u00fcpfen und sich irgendwo einheimisch f\u00fchlen zu k\u00f6nnen. Anfangs fand ich es dann auch frustrierend, dass ich mich im Niederl\u00e4ndischen nicht nuanciert ausdr\u00fccken, nicht wirklich an Unterhaltungen teilnehmen konnte und die Leute mich nicht verstanden haben. Ich habe deshalb oft geschwiegen oder mich nur dann getraut, etwas zu sagen, wenn ich schon den ganzen Satz im Kopf parat hatte. Eine Sprache zu beherrschen ist wirklich sehr wichtig, wenn man am gesellschaftlichen Leben teilhaben m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Und welche Rolle spielt heute deine Muttersprache f\u00fcr dich?<br><\/span>Ich denke, dass meine Muttersprache heute in die Passiv-Ecke gerutscht ist. Wenn ich mit meinen deutschen Freunden spreche, habe ich hin und wieder Schwierigkeiten, das richtige Wort zu finden; das kommt vom Mangel an \u00dcbung. Am Anfang meiner Zeit in Belgien haben mein Mann und ich uns auf Englisch unterhalten. Als die Kinder auf die Welt kamen, habe ich auf Deutsch umgeschaltet, und als sie dann in die Schule gingen, wurde das Niederl\u00e4ndische dominant. Manchmal fehlt es mir schon, dass ich mich nicht in meiner eigenen Sprache unterhalten kann. Deshalb finde ich es sch\u00f6n, dass ich durch meine T\u00e4tigkeit f\u00fcr dasKULTURforum Antwerpen wieder mit der deutschen Sprache besch\u00e4ftigt bin. Hin und wieder muss ich ins W\u00f6rterbuch schauen und lerne neue W\u00f6rter, aber ich merke dabei auch, dass ich meine Muttersprache doch noch gut beherrsche. Das ist gut so, denn schlie\u00dflich ist meine Muttersprache ja auch Teil meiner Identit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ich vermisse die deutsche Diskussionskultur sehr. In Belgien beziehen die Menschen nicht so leicht Position, man \u00e4u\u00dfert nicht so gern seine pers\u00f6nliche Meinung oder man geht sogar relativ schnell in die Defensive \u00fcber.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Fehlen dir au\u00dfer der Kommunikation in deiner Muttersprache noch andere Dinge aus deinem Geburtsland?<\/span><br>Das mag wie ein Klischee klingen, aber ich vermisse haupts\u00e4chlich deutsche Lebensmittel und ganz besonders das deutsche Brot. Ich versuche sozusagen meinen Hunger zu stillen, indem ich so viel wie m\u00f6glich mein eigenes Brot backe, oder aber auch, indem ich oft Lebensmittel aus Deutschland mitbringe. Au\u00dferdem vermisse ich die deutsche Diskussionskultur sehr. In Belgien beziehen die Menschen nicht so leicht Position, man \u00e4u\u00dfert nicht so gern seine pers\u00f6nliche Meinung oder man geht sogar relativ schnell in die Defensive \u00fcber. In Deutschland dagegen ist es gang und g\u00e4be, dass man zu einem Thema Stellung bezieht und dar\u00fcber laut diskutiert, ohne, dass ein solcher Meinungsaustausch als bedrohend empfunden wird. Ein typisches Beispiel f\u00fcr diese Diskussionskultur stellen die Karnevalsshows dar, in denen nichts mehr heilig ist. So lassen sich Probleme nicht nur leichter zur Sprache bringen, sondern wird meiner Meinung nach auch eine gr\u00f6\u00dfere Betroffenheit erzielt. Im Gegensatz zum belgischen Fernsehen strahlen die deutschen Sender t\u00e4glich l\u00e4ngere Debatten bzw. Talkshows aus. Ich stelle an mir selbst fest, dass mir mehr als fr\u00fcher daran liegt, meine deutschen Freunde regelm\u00e4\u00dfig zu treffen und mich mit ihnen auszutauschen.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Wohin nimmst du deine deutschen Freunde mit, wenn du in der Stadt bist?<\/span><br>Oft fahren wir einfach nur zum Shoppen oder Rumbummeln in die Antwerpener Innenstadt \u2018rein. Aber neben der Atmosph\u00e4re-Erkundung lassen wir uns auch zum Besuch verschiedener Museen verleiten, weshalb es uns fast immer an das MAS (Museum aan de Stroom, <em>Anm. d. Red.<\/em>) hinzieht, weil es viel zu bieten hat. Durch dasKULTURforum habe ich auch das Museum Mayer van den Berg kennengelernt, das jetzt als n\u00e4chstes auf meiner Liste steht. Wenn das Museum f\u00fcr Sch\u00f6ne K\u00fcnste wieder er\u00f6ffnet ist, werden wir mit Sicherheit auch dahin gehen.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Zum Abschluss m\u00f6chte ich gern noch einmal kurz zum Anfang zur\u00fcckkehren: Dein Lebenslauf beginnt in einem Schuhgesch\u00e4ft, hast du denn heute noch einen Bezug zu Schuhen?<\/span><br>Na klar! Du musst wissen, dass mein Vater nicht nur Verk\u00e4ufer, sondern auch gelernter Schuhmacher war. Beim Sitzen auf der Ladentreppe habe ich nicht nur das Gerede aus der ganzen Stadt mitgekriegt, sondern ich habe auch viel \u00fcber die Schusterei gelernt. Mit sechzehn Jahren habe ich zum ersten Mal ganz alleine den Laden gef\u00fchrt, w\u00e4hrend meine Eltern im Urlaub waren. Sp\u00e4ter, in Belgien, habe ich eine ganze Weile f\u00fcr ein Fachgesch\u00e4ft gearbeitet, in dem neben \u201anormalen\u2018 Schuhen auch Laufschuhe und orthop\u00e4dische Schuhe den Bed\u00fcrfnissen der Kunden angepasst wurden. Auch heute blicke ich oft zuerst auf die Schuhe, die jemand tr\u00e4gt. Dabei kann ich immer noch gut Schuhgr\u00f6\u00dfen einsch\u00e4tzen. Du tr\u00e4gst Gr\u00f6\u00dfe 38, stimmt\u2019s?<\/p>\n","protected":false},"featured_media":2185,"template":"","class_list":["post-2193","interviews","type-interviews","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews\/2193","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews"}],"about":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/interviews"}],"version-history":[{"count":38,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews\/2193\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6898,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews\/2193\/revisions\/6898"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2185"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2193"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}