{"id":1898,"date":"2016-09-01T21:01:00","date_gmt":"2016-09-01T19:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/daskulturforum.be\/?post_type=interviews&#038;p=1898"},"modified":"2021-04-25T16:15:34","modified_gmt":"2021-04-25T14:15:34","slug":"julia-rossow","status":"publish","type":"interviews","link":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/interviews\/julia-rossow\/","title":{"rendered":"Julia Rossow"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Franz\u00f6sisch lernen in Belgien? Das ist Julia Rossow als Praktikantin in Antwerpen nicht besonders gut gelungen. Stattdessen lernte sie hier Niederl\u00e4ndisch, machte sich Herzensfreunde und lernte ihren Freund kennen. Mittlerweile wohnt und arbeitet sie \u00fcber zehn Jahre in Antwerpen. Als Produktionsleiterin im MAS \u2013 Museum aan de Stroom \u2013 gestaltet sie das einzigartige Stadtmuseum mit. Was nennt sie ihre Heimat? Die Frage bringt sie zum Nachdenken&#8230;<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-central-palette-8-color\">Interview\u00a0<strong>Sven Fabr\u00e9<\/strong>\u00a0\u2013 01|09|2016<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Hast du in Antwerpen die Gelegenheit, um Deutsch zu reden, etwa durch Kontakte mit anderen Deutschen?<\/span><br>Nein, gar nicht. Am Anfang fehlte mir das schon, weil ich das Gef\u00fchl hatte, mich nicht authentisch ausdr\u00fccken zu k\u00f6nnen. Ich habe immer vieles umschrieben, statt auf den Punkt zu kommen. Aber mittlerweile habe ich das Gef\u00fchl nicht mehr. Ich habe relativ schnell Niederl\u00e4ndisch gelernt, sogar mit einem bisschen Dialekt dazu (lacht).<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Wie war es am Anfang, als du noch kein Wort Niederl\u00e4ndisch kanntest?<\/span><br>Recht einfach, weil hier so viele Sprachen gesprochen werden. Es f\u00e4llt sofort auf, dass jeder dir auf Englisch weiterhelfen kann. Das ist schon ein Unterschied mit Deutschland. Deutsch hat man nicht mit mir gesprochen, aber das habe ich auch gar nicht erwartet.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Deutsch und Niederl\u00e4ndisch \u00e4hneln sich, aber es gibt viele falsche Freunde wie <em>bellen<\/em>, <em>schlimm<\/em> \u2026 Hattest du manchmal Probleme?<\/span><br>Ja, die gab es schon\u2026 aber ich kann nicht sofort ein&nbsp;Vorbild&nbsp;geben (pausiert und lacht). Also ein&nbsp;Beispiel, meine ich, das war ein Neerlandismus! Am Anfang war es anders \u2018rum. Dann habe ich manche deutsche W\u00f6rter \u201aniederl\u00e4ndischm\u00e4\u00dfig\u2018 auszusprechen versucht.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Warum bist du nach Antwerpen gekommen?<\/span><br>Recht zuf\u00e4llig! Ich wollte eigentlich mein Franz\u00f6sisch verbessern. Ich habe mich um Praktikantenstellen in Paris und Kanada bem\u00fcht, aber keinen Platz bekommen. Dann habe ich mir \u2013 sehr naiv und dumm \u2013 gedacht, dass man in Belgien doch auch Franz\u00f6sisch spreche. Daraufhin habe ich mich in\u2026 Antwerpen beworben. Nat\u00fcrlich hat sich mein Franz\u00f6sisch dort nicht verbessert! (lacht)<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8230; ich kann nicht sofort ein&nbsp;Vorbild&nbsp;geben. Ein&nbsp;Beispiel, meine ich, das war ein Neerlandismus!<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">War es leicht, sich als Neuling einen Wohnort zu suchen?<br><\/span>Ich habe damals mit einer jungen Frau zusammen gewohnt, die ich \u00fcber f\u00fcnf Ecken gefunden hatte. Hier gibt es meistens nur Studentenzimmer f\u00fcr ein ganzes Jahr, aber mein Praktikum dauerte eben nur f\u00fcnf Monate. Und eine g\u00fcnstige Wohnung ist nicht leicht zu finden. Ich habe dann ganz zuf\u00e4llig im Zug jemanden kennengelernt, der mir ein paar Tage sp\u00e4ter ein Privatzimmer bei Bekannten in Antwerpen vermittelte. Ich habe mir die Wohnung und die Bewohnerin angeschaut (lacht) und es war einfach perfekt. Sie ist inzwischen meine beste Freundin geworden. Ich habe ein paar Monate mit ihr zusammengelebt und dann meinen Freund kennengelernt. Danach habe ich mein Studium in Deutschland beendet und bin ganz selbstverst\u00e4ndlich fest nach Antwerpen gezogen.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Was hat dich am Anfang gest\u00f6rt, wenn \u00fcberhaupt?<br><\/span>Die L\u00f6cher in der Stra\u00dfe! Ich habe mir regelm\u00e4\u00dfig die F\u00fc\u00dfe umgeknickt, weil ich ein richtiger Hans Guck-in-die-Luft bin. Das war schon \u00e4rgerlich. Aber sonst nichts!<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Was gef\u00e4llt dir an Antwerpen? Was ist dir sofort aufgefallen, was hast du sofort geliebt?<\/span><br>Dass es eine Stadt am Wasser ist. <em>Het Eilandje<\/em>, die Gegend wo ich jetzt arbeite, finde ich sehr sch\u00f6n. Auch die Architektur ist mir aufgefallen. Die H\u00e4user im Zentrum sind ganz klein und schmal und kleben aneinander. Und nat\u00fcrlich auch die Menschen, die ich kennengelernt habe.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Was sind f\u00fcr dich die gr\u00f6\u00dften Unterscheide zwischen Deutschland und Belgien?<\/span><br>Damals ist mir aufgefallen, dass andere Leute in meinem Alter, etwa 22 Jahr, schon anfingen zu arbeiten. Sobald man das Studium hinter sich hatte, baute man ein Haus und heiratete\u2026 (lacht) In Deutschland lie\u00df man sich dazu viel mehr Zeit. Man studierte, \u00fcberlegte sich, ob es wohl der richtige Studiengang war, studierte etwas Anderes, reiste eine Weile herum, arbeitete vielleicht ein bisschen, \u00fcberlegte es sich dann wieder anders, und so weiter (lacht). In Deutschland gab es in meinem Studiengang zum Beispiel ein paar Drei\u00dfiger, und wir fanden das normal. Ansonsten kann ich sagen, dass das Essen hier sehr viel besser ist. Doppelt so teuer, daf\u00fcr aber besser! (lacht)<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Was ist dein belgisches Lieblingsgericht?<br><\/span>Chicor\u00e9e mit K\u00e4se und Schinken. Und Fritten nat\u00fcrlich! Pommes, das klingt auf Deutsch doch so doof.<br><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>In Deutschland l\u00e4sst man sich viel mehr Zeit. Man studiert, \u00fcberlegt sich, ob es wohl der richtige Studien-gang ist, studiert etwas Anderes, reist eine Weile herum, arbeitet vielleicht ein bisschen, \u00fcberlegt es sich dann wieder anders, und so weiter.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Gibt es etwas, das dir in Belgien fehlt?<br><\/span>Butterbrezeln! Das ist immer das Erste, was ich esse, wenn ich in Deutschland bin oder in einem Bahnhof umsteigen muss. In der Gegend von M\u00fcnchen gibt es ja wirklich eine Brezel-Tradition: Im Laufe des Tages trinkt man ein Bier und isst eine Brezel dazu. Auch Kaffee und Kuchen vermisse ich. Wenn mich meine Mutter oder eine deutsche Freundin besuchen, dann wollen die immer gerne Kaffee trinken und Kuchen essen. Da muss ich immer nachdenken, wo es hingeht. Es gibt nat\u00fcrlich Lokale, wo es das gibt, aber es ist keine Tradition wie in Deutschland. Ansonsten\u2026 meine Familie, meine Oma.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Gibt es im Alltag Unterschiede zu Deutschland?<br><\/span>Es gibt so Kleinigkeiten, ja. Hier spricht zum Beispiel niemand \u00fcber Geld. Keiner erz\u00e4hlt, was er verdient. In Deutschland ist das kein Geheimnis. Und wenn man in Belgien niest, sagt keiner \u201eGesundheit\u201c! Man muss sich selbst entschuldigen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Gibt es in Antwerpen Orte, die du besonders gerne magst?<br><\/span><em>Het Eilandje<\/em>, da gibt es ein richtiges Urlaubsfeeling. Wenn ich aus dem MAS komme und gleich die Boote und das Wasser sehe\u2026 Der Middelheimpark gef\u00e4llt mir auch sehr gut. Und im Sommer mag ich die Sommerbars und die vielen M\u00f6glichkeiten, drau\u00dfen zu sitzen. Am Anfang fand ich auch die L\u00e4den hier wirklich Wahnsinn, viel sch\u00f6ner als bei uns in Deutschland, viel schicker und stylisher. Die Leute sind hier auch viel aufw\u00e4ndiger gekleidet. Aber irgendwann gew\u00f6hnt man sich daran. Und vielleicht bin ich jetzt selber auch total hip, und falle in Deutschland genauso auf! (lacht)<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">M\u00f6chtest du irgendwann nach Deutschland zur\u00fcckkehren?<\/span><br>Vielleicht \u2013 ich schlie\u00dfe es nicht aus. Aber nicht nach Karlsruhe, da habe ich mittlerweile kaum noch Bekannte. Wohin denn schon? Das wei\u00df ich nicht genau, das ist gerade das Problem. Es w\u00fcrde wahrscheinlich eher in Richtung Hamburg oder Berlin gehen.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Was sollte man in Karlsruhe besuchen?<\/span><br>Das ZKM, Zentrum f\u00fcr Kunst und Medientechnologie. Dort gibt es immer etwas zum Entdecken. Es wurde in eine alte Munitionsfabrik untergebracht und ist riesengro\u00df, aber wirklich sehenswert. Wenn ich dort bin, gehe ich auch selbst noch gerne vorbei.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Wirst du manchmal mit Stereotypen \u00fcber \u201adie Deutschen\u2018 konfrontiert?<\/span><br>Dass wir viel Fleisch essen, viel Bier trinken und asozial sind. Auch der Nationalsozialismus und der Krieg werden immer noch erw\u00e4hnt, meistens zum Spa\u00df, aber immerhin\u2026<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Was sind deiner Meinung nach die sch\u00f6nsten Worte auf Deutsch und Niederl\u00e4ndisch?<\/span><br><em>Lanterfanten<\/em> finde ich ein sehr sch\u00f6nes Wort \u2013 auch weil ich genau das so oft mache! Und das sch\u00f6nste deutsche Wort w\u00e4re dann <em>Fernweh<\/em> \u2013 immer noch.<br><br><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Zum Schluss: Was ist f\u00fcr dich die Heimat?<\/span><br>Meine Heimat ist wahrscheinlich hier. Genau kann ich es nicht sagen. Ich f\u00fchle mich noch Deutsche und ich habe keinen belgischen Pass. Wenn ich nach Deutschland reise, sage ich auch meistens \u201eich fahre in die Heimat\u201c. Aber wirklich zu Hause f\u00fchle ich mich dort nicht mehr. Schwierig!<\/p>\n","protected":false},"featured_media":1922,"template":"","class_list":["post-1898","interviews","type-interviews","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews\/1898","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews"}],"about":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/interviews"}],"version-history":[{"count":45,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews\/1898\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6211,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews\/1898\/revisions\/6211"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1922"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1898"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}