{"id":158,"date":"2019-02-01T12:01:00","date_gmt":"2019-02-01T11:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/daskulturforum.be\/?post_type=interviews&#038;p=158"},"modified":"2021-05-10T12:57:32","modified_gmt":"2021-05-10T10:57:32","slug":"patrick-stevens-de","status":"publish","type":"interviews","link":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/interviews\/patrick-stevens-de\/","title":{"rendered":"Patrick Stevens"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die meiste Zeit eines Jahres ist Patrick auf den B\u00fchnen Berlins und anderer deutscher St\u00e4dte, in Moskau und letztlich noch im Libanon anzutreffen. Jetzt aber ist er gerade mal in Belgien und so plaudern wir auf der sonnenbeschienenen Terrasse des Kutscherhauses von Schloss Cortewalle in Beveren.<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-central-palette-8-color\">Interview&nbsp;<strong>Kathrin Reynaers<\/strong>&nbsp;\u2013 \u00dcbersetzung&nbsp;<strong><strong>Sandra K\u00e1rolyi<\/strong>&nbsp;<\/strong>\u2013&nbsp;01|03|2017<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Was verbindet dich mit Deutschland und der deutschen Kultur?<\/span><br>Meine Mutter stammt aus Melsungen bei Kassel und obwohl ich selbst niemals in Deutschland gewohnt habe, verbringe ich doch seit jeher sehr viel Zeit dort. Ich denke, ich bin derzeit locker zwei Monate im Jahr beruflich in Deutschland. Meine Muttersprache ist Deutsch und als Kind wurde ich dank TV-Sendungen wie <em>Neues aus Uhlenbusch <\/em>und <em>Die Sendung mit der Maus <\/em>mit der \u2013 vor allem popul\u00e4ren \u2013 deutschen Kultur vertraut gemacht. Als Teenager habe ich \u00fcber Cousinen und Cousins ph\u00e4nomenale Erscheinungen wie <em>Kraftwerk <\/em>und <em>Deutsch-Amerikanische Freundschaft <\/em>kennengelernt. Diese Musikbands haben mich gepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Inwieweit identifizierst du dich mit der deutschen Nationalit\u00e4t?<\/span><br>Ich f\u00fchle mich ziemlich deutsch. Das hat nichts mit der Flagge oder dem Staat zu tun, sondern eher mit der Sprache, die ich nicht lernen musste, sondern die ganz nat\u00fcrlich \u2013 wie das eben f\u00fcr eine Muttersprache ist \u2013 ein Teil von mir ist. Au\u00dferdem ist da nat\u00fcrlich auch die Kulturlandschaft, haupts\u00e4chlich des Nachkriegsdeutschlands, das mich stark fasziniert, weil es da so etwas wie dunkle Ecken gibt, die ich zu erhellen versuche.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Was verstehst du unter dunklen Ecken?<\/span><br>Das hat einerseits mit der Kriegsvergangenheit Deutschlands zu tun und ihrem Einfluss auf die Generation meiner Gro\u00dfeltern und Eltern, bis \u2013 \u00fcber deren Erz\u00e4hlungen bzw. gerade ihr Schweigen \u2013 auf meine Generation. Allgemein betrachtet hat es sicher auch etwas zu tun mit dem tief wurzelnden Kontrast zwischen dem Bildungsideal des 18. Jh., welches Kenntnis und Selbstentfaltung f\u00f6rderte, und der Romantik, die die tr\u00fcbe Seite der Ich-Bezogenheit hervorhob. Man denke hier nur an <em>Die Leiden des jungen Werther<\/em> von Goethe, an die Gedichte von Georg Trakl oder die Musik von Richard Wagner. Ich sehe diesen Einfluss sogar bis in die heutige deutsche Volkskultur durchsickern, z.B. in Texten des Rappers Yasha Conen. Was ich faszinierend zu betrachten finde, das sind einerseits die Kulturprodukte an sich und wie sie sich entwickeln, und andererseits wie die deutsche Kultur im weitesten Sinne mit der deutschen Politik zusammenh\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Kannst du das n\u00e4her erkl\u00e4ren?<\/span><br>Das politische Establishment, das nach dem Zweiten Weltkrieg an die Macht kam \u2013 und sich haupts\u00e4chlich aus Menschen zusammensetzte, die gekonnt den Krieg zu \u00fcberleben und die richtigen P\u00f6stchen zu besetzen gewusst hatten \u2013, sorgte vielleicht f\u00fcr Stabilit\u00e4t, ging aber zugleich jeder Konfrontation mit der Kriegsvergangenheit aus dem Weg, nicht zuletzt deshalb, weil ein Teil dieser Leute an der Vernichtungsindustrie des Dritten Reiches beteiligt gewesen war. Auf politischer Ebene artete deshalb der 1968er Protest w\u00e4hrend der Zeit des <em>Deutschen Herbstes <\/em>sogar in Terror aus. Aber auch in den siebziger und achtziger Jahren hat dies alles zum Entstehen einer gewissen Radikalit\u00e4t in den K\u00fcnsten und der Kulturlandschaft beigetragen. Der destruktive Output einer Gruppe wie <em>Einst\u00fcrzende Neubauten <\/em>und des Performers Blixa Bargeld sind, denke ich, ein gutes Beispiel daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>In den fl\u00e4mischen Medien wird Deutschland oft einseitig oder negativ behaftet pr\u00e4sentiert, obwohl es kulturell gesehen so viel zu bieten hat.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus besteht das heutige Deutschland noch immer irgendwie aus zwei deutschen L\u00e4ndern, die auf der Suche nach einer gemeinsamen Perspektive sind. Freunde von mir, die auf dem Gebiet der ehemaligen DDR wohnen, sp\u00fcren einen riesigen Mentalit\u00e4tsunterschied in der Art und Weise, wie aus den fr\u00fcheren Landesteilen West und Ost auf das wiedervereinte Deutschland geschaut wird. Das ist m\u00f6glicherweise eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, wie Parteien wie die AfD, die eine simplifizierende, aber deutliche Perspektive pr\u00e4sentieren, sich breit machen konnten. An den j\u00fcngsten Vorkommnissen in Chemnitz erkenne ich die Zeichen eines Populismus, der dazu f\u00fchren kann, dass eine breite Bev\u00f6lkerungsschicht pl\u00f6tzlich Seite an Seite mit regelrechten Neonazis zu stehen kommt. Gleichzeitig sieht man aber auch, dass im fr\u00fcheren Osten, z.B. in Leipzig, auf kultureller Ebene gro\u00dfe Schritte unternommen werden und dort viel Positives entsteht. Und gl\u00fccklicherweise erklingen ja auch aus Berlin kritische und h\u00f6rbare Stimmen des Widerstands. Alles in allem finde ich, dass Deutschland noch dabei ist, sich von seiner Vergangenheit zu erholen und politisch betrachtet noch immer nicht ganz erwachsen ist.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Dennoch herrscht aktuell der Eindruck, Deutschland sei dominant.<\/span><br>Erstens ist dieses Deutschlandbild meines Erachtens in der Zeit des Wirtschaftsaufschwungs nach dem Krieg entstanden, als Westdeutschland in einem rasenden Tempo vom Tr\u00fcmmerhaufen zum industriellen Wohlfahrtsstaat mutierte.<br>Zweitens \u2013 der Eindruck ist neueren Datums \u2013 mag es vielleicht so aussehen, als stelle sich Deutschland heute moralisch \u00fcber das restliche Europa, unter anderem wegen des Merkel\u2019schen <em>Wir schaffen das!<\/em>-Spruchs. Andersherum ist es aber auch fraglich, ob Frau Merkel, gerade aufgrund der politischen und kriegsbezogenen Vergangenheit Deutschlands sowie vor ihrem famili\u00e4ren christlichen Hintergrund, \u00fcberhaupt etwas anderes h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen. Ich bin weder Merkel- oder CDU-Anh\u00e4nger, aber politisch betrachtet scheint mir die Sorge um den Mitmenschen, die in dem Satz mitschwingt, nicht unbedeutend \u2013 gerade in einem Europa wo die Anti-Migrations-Rhetorik immer lauter wird.<br>Drittens \u2013 und das betrifft ganz spezifisch die deutsch-belgischen Beziehungen \u2013 kommt es mir immer noch so vor, als st\u00fcnde eine kulturelle Mauer zwischen beiden L\u00e4ndern, die vor allem auf eine l\u00fcckenhafte Kenntnis des heutigen Deutschlands und dessen, was es heute zu bieten hat, zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. In den fl\u00e4mischen Medien wird Deutschland oft einseitig oder negativ behaftet pr\u00e4sentiert, obwohl es kulturell gesehen so viel zu bieten hat. Was man ja auch daran sieht, dass sich Touristen aus ganz Europa zahlreich und gern zu Citytrips nach deutschen St\u00e4dten wie Berlin aufmachen. Nat\u00fcrlich ist Berlin eine ganz andere Nummer als etwa der Schwarzwald oder Bayern, aber schlussendlich ist das doch auch Deutschland &#8211; was man nicht immer zu begreifen scheint.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Kannst du uns sagen, was deiner Meinung nach typisch deutsch ist und du hier in Belgien manchmal vermisst?<\/span><br>Ich finde die in Deutschland weit verbreitete Diskussionsfreude sehr typisch und merke, dass man sich hier in Belgien aus Angst vor Konflikten beim Anprangern von Missst\u00e4nden zur\u00fcckhaltender verh\u00e4lt. Gleichzeitig sehe ich aber auch, dass Debatten in Deutschland immer \u00f6fter in einen Schlagabtausch ausarten, bei dem oftmals die Logizit\u00e4t im Vordergrund steht. Interessant ist in dieser Hinsicht der Blog von Ronja von R\u00f6nne, einer jungen Berliner Schriftstellerin, die immer wieder unterstreicht, wie wichtig debattieren ist und dass es nicht darum geht, nur eine Meinung zu haben, sondern dass man sich echt um eine Dialogf\u00fchrung bem\u00fchen wollte. Hannah Arendt ist diesbez\u00fcglich immer noch aktuell: sich aufmachen, gegen den Strom zu schwimmen; auf der Suche nach Gr\u00fcnden und Ursachen von Ph\u00e4nomenen, Ereignissen, Fakten sein. Es ist diese Art des \u201aintellektuellen Wagnisses\u2018, das ich oft in Belgien vermisse.<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Was bedeutet Mehrsprachigkeit f\u00fcr dich?<\/span><strong>&nbsp;<\/strong><br>Ich finde, dass Mehrsprachigkeit immer einen Mehrwert darstellt, ganz gleich, ob es um Deutsch, Arabisch oder eine andere Sprache neben dem Niederl\u00e4ndischen geht. Leider habe ich meinen eigenen Sohn nicht zweisprachig erzogen. Jetzt, wo er als Teenager auf der Suche nach der eigenen Identit\u00e4t ist, merke ich, dass er sich auch mit seinen deutschen Wurzeln identifizieren m\u00f6chte und es deshalb schade findet, kein Deutsch zu sprechen. Ich selbst tue mich etwas schwer mit dem Erlernen einer neuen Sprache, aber gl\u00fccklicherweise wurde mir die deutsche Sprache einfach so in die Wiege gelegt, was das Fenster zur Welt doch gleich breiter gestaltet. Allerdings muss ich mich schon ein wenig anstrengen, um mich sprachlich fit zu halten, denn als ich mal aufgrund \u00e4u\u00dferer Umst\u00e4nde eine Weile nicht mehr nach Deutschland gefahren war fand ich meine Worte nicht mehr ganz so leicht. Ich habe daraufhin beschlossen, so viel wie m\u00f6glich auf Deutsch zu lesen und anzuh\u00f6ren, was aber z.B. bei Hannah Arendt gar nicht einfach ist (er lacht).<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-central-palette-3-color\">Hast du noch weitere Kulturtipps auf Lager? B\u00fccher, die wir lesen oder Musik, die wir anh\u00f6ren sollten bzw. Orte, die wir in Berlin besuchen sollten?<\/span><br>Es gibt tonnenweise gro\u00dfartige deutsche Musik, aber ich werde vor allem immer wieder Blixa Bargeld empfehlen. Seine Brecht- und Goethe-Interpretationen, die Sie problemlos online finden k\u00f6nnen, sind wirklich sch\u00f6n. Dar\u00fcber hinaus ist Bargeld jemand, der immer wieder neu ins Erstaunen versetzen kann. Denjenigen, die die neuesten Trends in der Elektro-Tanzmusik entdecken wollen, m\u00f6chte ich rundweg das Berliner Label Aufnahme+Wiedergabe empfehlen. Was Berlin betrifft, w\u00fcrde ich als Tipp f\u00fcr ein etwas weniger bekanntes \u2013 und nicht f\u00fcr Zartbesaitete bestimmtes! \u2013 Nachtlokal den Kit Kat-Club nennen, der ganz in der N\u00e4he des bekannten Tresor liegt und wo geregelt \u00fcbers Jahr Veranstaltungen zu verschiedenen Themen stattfinden, zu denen sich jeweils ein bunter Mix von Musikern, Hedonisten, K\u00fcnstlern und Gott wei\u00df wer noch einstellt. Ich finde, dass sich Berlin da von seiner besten Seite zeigt: offen, radikal, eigenwillig und bahnbrechend.<br>Aber zu einem Berlin-Besuch geh\u00f6rt, finde ich, neben den hippen Kneipen und Shops, unbedingt auch der Gang zur Gedenkst\u00e4tte Deutscher Widerstand. Das ist ein absolutes Muss f\u00fcr alle, die Deutschland und seine Kultur wirklich kennenlernen m\u00f6chten und damit in Berlin beginnen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":998,"template":"","class_list":["post-158","interviews","type-interviews","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews\/158","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews"}],"about":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/interviews"}],"version-history":[{"count":23,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews\/158\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6896,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/interviews\/158\/revisions\/6896"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/998"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/daskulturforum.be\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=158"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}